Joachim Sohn im Gespräch #1


PERM

PERM

Joachim Sohns Werk PERM erscheint demnächst im Action-Verlag als Hörbuch.

WW: Wie fühlt man sich so, wenn das erste Werk kurz vor der Publikation steht?

JS: Das ist schon ziemlich berauschend. Als mir mein Sprecher die Rohversion des Hörbuches zusandte, um es noch mal auf eventuelle Sprechfehler zu überprüfen, war ich dauerhaft elektrisiert. Es ist faszinierend, den Text, den man zuvor nur für sich hatte und mit sich erlebte, plötzlich von jemandem anderen erzählt zu bekommen. Es wirkt soviel lebendiger, ja, die ganzen Charaktere und die Geschichte werden plötzlich zum Leben erweckt. Und so ist es auch mit dem Gefühl, dass diese Welt, die Charaktere und die Geschichten nun bald auch andere hören werden, sich in diese Welt begeben und sie beurteilen. Und ich bin sehr gespannt auf das Urteil. Es ist ein tolles Gefühl, wenn das Baby laufen lernt.

WW: Der Titel PERM klingt nach Erdkunde, nach Paläozoikum? Um was geht es in deinem Roman?

JS: Da werde ich doch mal ein bisschen weiter ausholen. Die Grundzüge der Geschichte existieren schon seit 1983. Damals hießen die beiden Protagonisten Kandia und Keldris noch Candy und Chris, waren Hamster, die auf einem Feld in der Nähe einer nordamerikanischen Kleinstadt im letzten Jahrhundert lebten und bei einem Ausflug in ein unterirdisches Hamsterreich gerieten, das sich im Krieg mit den Mäusen in der Nachbarhöhle befand. Das ganze hatte ich als Comicbuch gezeichnet mit der Idee irgendwann einen Trickfilm daraus zu machen im klassischen Disney-Stil. Allerdings habe ich es nur bis zum 15. Kapitel geschafft, dann interessierten mich plötzlich andere Dinge. Kurz, ich habe es nicht zu Ende gebracht, aber im Hintergrund blieb die Geschichte bestehen, entwickelte sich weiter und reifte mit mir. Während der Semesterferien im Sommer 97 in Berlin hatte ich dann die Idee, statt bei UPS Kisten zu sortieren doch mal in einem der vielen Trickfilmstudios anzufragen, ob es nicht einen Job für einen Zeichner gibt. Und tatsächlich bekam ich die Gelegenheit, als Clean-up-Artist in einem Trickfilmstudio auf dem Filmgelände Babelsberg zu arbeiten. So begann meine Karriere als Trickfilmzeichner. Inspiriert wurde ich zu C&C damals unter anderem von „Mrs. Brisby und das Geheimnis von Nimh“, das in den Don Bluth-Studios in Irland entstand. Don Bluth war ein Abtrünniger aus den Disney-Studios, so wie Tim Burton. In Babelsberg lernte ich Michael Carroll kennen, er hat bei Don Bluth gelernt. Während ich in Hamburg war, wohnte er in meiner Berliner Bude und zeichnete mir dort eines abends eine Original Mrs. Brisby!

In Hamburg machte ich eine Qualifizierung zum Animationsdesigner auf der animation-school. Parallel dazu habe ich immer wieder an den Figuren weiter gezeichnet und sie sind mit mir erwachsener geworden. Immer mehr setzte sich dabei die Idee durch, sie in eine frühere Zeit zu versetzen, in eine prähistorische Zeit, und ihnen statt T-Shirts die Kleidung des frühen Menschen überzustülpen. Mir schwebte dabei so ein Mix aus Naturvolk und frühe Antike vor. Beeinflusst wurde ich dabei von den History- und Terra-X-Produktionen von BBC und dem ZDF. Es gab dort eine Folge, in der ein Mädchen einer Neandertaler-Gruppe zu einem Spähtrupp des umherwandernden neuen Menschen überläuft, weil sie sich dort eine bessere Zukunft erhofft. Da hat es Klick gemacht und die Eröffnungsszene von Candy und Chris 2.0 ist entstanden. Kandias (= Candys) Sippe, einfache Tennuri, sollten aufgrund der Witterung gezwungen werden, ihr Dorf zu verlassen. Während der Wanderung läuft sie zu einem Spähtrupp der hochentwickelten Manoii über, die sich im Krieg mit den Suriin befinden. Keldris macht sich während der Nachtwache auf, seine Freundin wieder zu finden. Damit beginnt seine „Odyssee“. Für den Schauplatz suchte ich nach einer Eiszeitperiode, die möglichst vor unserer letzten lag. Dabei stieß ich auf die Karbon-Eiszeit an der Perm-Trias Wende vor 250 Millionen Jahren und zusätzlich dem Phänomen, dass es zu dieser Zeit das bislang größte Massenaussterben von Kleinstlebewesen stattfand. Das passte, dachte ich, daraus lässt sich etwas machen und ich baute daraus eine Rahmengeschichte, den Aufhänger und die Ausgangssituation für die Story. Ich behaupte im Prolog, dass bei Ausgrabungen (also eigentlich bei Erdgasbohrungen im Voralpenland) Bücher gefunden werden, die die Geschichte von Keldris und Kandia erzählen. Sowas wie eine Urzeitilias. Daher auch der Titel „Perm – eine Urzeit-Heldenreise“. Damit gebe ich dem ganzen mehr Authentizität, nehme es ein bisschen raus aus dem reinen Reich der Phantasie und gebe das Gefühl mit, dass vielleicht da, wo wir jetzt sitzen, vor 250 Millionen Jahren einmal kleine Nagetiere eine Hochkultur hatten. Das gefällt mir!

WW: Nager als Helden – ist das Fantasy oder Fabel?

JS: Ja, eine gute Frage. Es fiel mir im Exposé auch nicht leicht, eine eindeutige Genrezuordnung zu finden. Es ist wohl ein klassischer Genremix aus Fantasy, Abenteuer und ja, auf jeden Fall ist es auch eine Fabel. Ein fantastisches Heldenepos und Abenteuer in Fabelgestalt. Ich meine, was ist „Feivel der Mauswanderer“, „Shrek“ oder „Der dunkle Kristall“?

Ich habe bei dem Begriff Fantasy aber darauf Wert gelegt, dass es nichts mit klassischer Fantasy zu tun hat und somit auch nicht das klassische Fantasy-Zielpuplikum betrifft. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass ich in einem Fantasy-Forum nicht gut aufgehoben wäre, weil es bei mir nicht von Orks, Elfen, Zwergen und Hexen wimmelt, was da ja ein Muss ist. Ich weiß nicht, wenn einmal die Orks erfunden wurden, von J. R. R. Tolkien, warum muss man sie dann immer wieder neu erfinden. Hat man keine eigene Fantasie? Jedenfalls gibt es bei mir zwar auch den Schwertkampf zum Schluss, aber Tolkiens Figuren tollen da nicht rum.

Warum Nager? Ich hatte immer Tiere. Als Kind Hamster und jetzt einen Haufen Katzen. Ich liebe Tiere und ich will damit auch die Menschen ein bisschen für die Tierwelt sensibilisieren. Eine der Aussagen ist, die Evolution hätte auch anders laufen können. Letztendich ist es ein Zufall, dass gerade wir in uns sind und dass wir uns als Mensch bezeichnen und gewisse Fähigkeiten haben, uns zu vermitteln. Ich glaube nicht an einen großen Masterplan sondern an die Vergänglichkeit des Seins. In 300 Millionen Jahren wird jemand tief unter der Erde unsere Bücher finden. Vielleicht ein Nager?

Joachim Sohn

Joachim Sohn

Über sean67

schreibt phantastische Literatur

Posted on 02/05/2010, in Fantasy, Lesen, Literatur, Schreiben, Verlage and tagged , , . Bookmark the permalink. 1 Kommentar.

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