Interviews

WASMITBUECHERN.DE, 9. August 2010, Sean O’Connell: Die kleineren Verlage beweisen mehr Mut mit ihren Programmen als die großen Publikumsverlage

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Hallo, ich bin Sean O’Connell. Ich schreibe phantastische Romane jenseits der Genreschubladen, „Crossover“-Romane sozusagen. Das heißt im Klartext, ich mache mir mein Leben nicht leicht, denn die großen Publikumsverlage in Deutschland scheuen nichts mehr, als neue Konzepte, die nicht konkret ins vorgegebene Schema passen. Ich glaube jedoch, wir Autoren sind es den Lesern schuldig, dafür Risiken einzugehen und ausgetretene Pfade zu verlassen. Auch wenn das erhöhte Überzeugungsarbeit beim Lektor bedeutet. Glücklicherweise beweisen die kleineren Verlage mehr Mut mit ihren Programmen. Mein Verleger Andy Lettau (Action-Verlag) hatte überhaupt kein Problem in „Tír na nÓg“ genau das zu sehen, was es ist: eine phantastische Reise durch eine ferne, zukünftige Welt, wo glücklicherweise keine Zwerge, Orks, Elfen, Engeln und bluttrinkende urbane Vampirweiber auftauchen. Normalerweise wäre das schon ein „No go“.

Wie verändern die digitalen Medien bzw. das Internet Ihre Arbeit?

Vor mehr als zwanzig Jahren haben wir schreibmaschinengeschriebene Geschichten und Beiträge mit Klebstoff von Hand in die Magazinseiten der Fanzines montiert. Die Kommunikation lief damals über Briefverkehr. Heutzutage haben wir Programme wie WORD, InDesign, Quark XPress oder Photoshop, arbeiten in Echtzeit: tauschen Bilder, Vektorgrafikdateien, Videos, Texte und sonstige Daten über http, ftp oder webDAV aus. Und es verändert sich weiter. Geschlossene Autorenforen verlieren bereits wieder ihre Mitglieder, weil immer mehr Kreative zu Facebook abwandern und dort miteinander in Verbindung treten, weil es ein offenes und skalierbares System ist. Doch ich glaube, auch Facebook ist nur eine Momentaufnahme. Andere Social Networks werden entstehen und andere Dienste bieten. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit und für Autoren gibt es hier viele Chancen, wenn wir bereit sind, sie zu nutzen.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Mehr Offenheit bei den Lektoren für neue Strömungen. Im Amerika und England ist man trotz Verlagskrise mutiger und setzt bereitwilliger auf neue Trends (z. B. Steampunk), während man hierzulande zögerlich abwartet und schaut, wer den ersten Schritt macht. Wir haben jetzt im Phantastischen Bereich eine wirklich gute deutsche Szene, wir sollten darauf achten, dass sie uns erhalten bleibt.

Wo finden wir Sie im Internet?

Auf meiner Verlagsseite, meinem Blog sowie auf Facebook

Originallink: WASMITBUECHERN.DE

Sean liest am DortCon

Sean liest am DortCon

HOERBUCH-BLOG.COM, 29. November 2010, Drei Fragen an Sean O’Connell

Diese Woche hatte ich die Chance mit dem Autor von »Tír na nÓg«, Sean O’Connell, ein Interview zu führen. Mit ihm sprach ich über gute Science-Fiction Literatur, die Zukunft des gedruckten Buches im Zeitalter von E-Books und Hörbüchern und über seine Arbeit an der Forsetzung von »Tír na nÓg«. In diesem wirklich spannenden Kurzinterview konnte ich Sean sogar schon einen kleinen Ausblick auf den 2. Teil der Cornelis-Bücher entlocken.

Interview mit Sean O’Connell

Autor Sean O’Connell hat vor kurzem ein, wie ich finde, beachtliches Debüt hingelegt. Mit einer unkonventionellen Mischung aus Fantasy, Steampunk und Science-Fiction ist Tír na nÓg ein Hörbuch das genreübergreifend seine Fans findet.

Sebastian: Sean, mit »Tír na nÓg« hast Du unter Beweis gestellt wie vielseitig Science-Fiction sein kann. Was macht Deiner Meinung nach gute Science-Fiction aus? Und welche Science-Fiction liest Du selber gerne oder würdest Du gerne lesen?

Sean: Gute Science Fiction, gute Fantasy, ja gute Literatur überhaupt, sollte einen in erster Linie immer neugierig machen. Leider gelingt das nicht immer, was aber nicht nur am Verfasser liegen muss. Hier spielen auch einseitige Verlagsprogramme und ideenlose Marketingkonzepte eine wichtige Rolle. Die Schubladisierung hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, ich sage nur „Stichwort: Urban Fantasy“. Da gehen schon mal tolle Geschichten unter, die da nicht in die oftmals enggestrickten Konzepte reinpassen.
Eine wichtige Frage, die man sich als Leser und als Verleger immer wieder stellen muss ist: würde ein Werk wie „Herr der Ringe“ heute überhaupt noch publiziert werden? Wichtig ist also bei allen sicherlich notwendigen betriebswirtschaftlichen Überlegungen, wieviel Spielraum hat ein Lektor überhaupt? Kann er auch mal Ungewöhnliches auf den Markt bringen, oder wird das Controlling bzw. die Marketingabteilung diese Titel im Zweifelsfall spritzen? Seltsamerweise ist der Mut zum Risiko in Übersee immer noch größer als hierzulande, obwohl dort die wirtschaftliche Lage der Verlage weitaus angespannter ist.
Aber man muss selbstverständlich auch Positives über den deutschsprachigen Raum berichten: immerhin ist es in den vergangenen zehn Jahren gelungen, eine ganz eigene deutsche Szene aufzubauen, die es davor so nicht gegeben hat. Und das nachhaltig. Was das Lesen betrifft, nun, zur Zeit lese ich leider wenig phantastische Literatur (bedingt durch Recherchen, etc.), mehr Sachbücher oder Mainstream, doch wofür immer Zeit sein muss, sind Autoren wie Jeff Noon oder China Mieville. Beides Autoren, die übrigens Garanten für neugierig machende Literatur sind.

Sebastian: Als SciFi-Autor liegt es Dir ja quasi im Blut in die Zukunft zu blicken. Daher dreht sich meine zweite Frage um die Zukunft des Buchmarktes. Ist Deiner Meinung nach das gedruckte Buch ein Auslaufmodel? Welche Buchmedien konsumierst Du eigentlich selber am liebsten: Print, Audio oder Digital?

Sean: Ich glaube, beim Lesen spielt Haptik und Optik, vielleicht aber auch der Geruch von Papier, für viele Menschen noch eine entscheidende Rolle, insofern bleibt das Buch das Medium der Zukunft. Doch man darf nicht unterschätzen, dass die Reader – sollten sie endlich mal unter die fünfzig Euro Marke fallen –, auch viele Vorteile bieten. Würde ich beispielweise noch einmal studieren, wäre ein e-Bookreader die erste Wahl, um sämtliche Werke draufzuladen, die ich für’s Lernen bräuchte. Audiobooks wiederum, da stimme ich den Printverlegern zu, sind etwas ganz anderes.
Sie kommen meines Erachtens meist dort zum Einsatz, wo Bücher nicht genutzt werden können, zum Beispiel beim Autofahren. Ich sehe sie als tolle Ergänzung und sie entfalten ihren ganz eigenen Zauber. Ich selbst bin was Bücher betrifft eher konservativ und bevorzuge immer noch das gedruckte Buch. Doch Audiobooks könnte ein weiteres Steckenpferd werden. Schließlich habe ich „Tír na nÓg“ inzwischen dreimal im Auto gehört.

Sebastian: Wie man auf Deiner Website lesen konnte, steht die erste Version der Fortsetzung zu »Tír na nÓg« bereits kurz vor der Vollendung. Die Veröffentlichung wird für Herbst 2011 angekündigt und es gibt sogar schon eine Facebook-Fanseite zu »Túatha Dé Danann«. Worauf können sich die Fans im zweiten Teil freuen? Möchtest Du schon ein bisschen was verraten? Wie wird die Geschichte um Cornelis weitergehen?

Sean: »Túatha Dé Danann« wird im Vergleich zu »Tír na nÓg« etwas urbaner werden. Zwei Städte bilden die Handlungsschwerpunkte im zweiten Roman und sie könnten grundverschiedener nicht sein: Zum einen gibt es Sternenheim, vollgestopft mit einer Vielzahl von Leben aller Art, ein schrecklicher Moloch, der seit einiger Zeit heimgesucht wird von einer furchtbaren Bestie namens Ereschkigal. Als der Abgründige Gott und sein Diener Nyail dort auftauchen, eskaliert die Situation natürlich (lacht). Unser junger Held Cornelis und seine Freunde sind mittendrin im Geschehen, denn sie folgen der Spur der Hirnräuber, die Meister Akis Denkorgan gestohlen haben.
Die zweite Stadt, die vor allem in der zweiten Romanhälfte handlungsrelevant wird, trägt den Namen Bella Constanzia. Sie war einst die Hauptstadt der Älteren, wurde aber durch den Ausbruch eines Supervulkans vor fünfhundert Jahren vollständig verwüstet. Hier kommt es letztlich zum Showdown zwischen den Túatha Dé Danann und den Menschen, die vor der zunehmenden Entropie hierher geflohen sind. Am Ende muss Cornelis (wie in „Tír na nÓg“ schon angesprochen) eine schwerwiegende Entscheidung treffen, die über das Schicksal der Welt entscheidet.

Sebastian: Ich bedanke mich herzlich bei Sean für die Zeit, die er sich genommen hat und seine sehr spannenden und informativen Antworten. Wer mehr über den Autor erfahren möchte und vor allem auf dem Laufenden zur Forsetzung von »Tír na nÓg« bleiben möchte, dem empfehle ich wärmstens Wortwellen – die Website von Sean O’Connell.

Originallink: HOERBUCH-BLOG.COM

Sean O'Connell - Autor von Tír na nÓg

Sean O’Connell – Autor von Tír na nÓg

PHANTANEWS, 30. November 2010, TÌR NA NÒG: von China Mieville bis STAR WARS – Sean O’Connell

»Denn eins war mir längst klar geworden: in eine verwertbare Verleger-Schublade paßte das ganze Ding nicht. Doch dann stieß ich irgendwann auf die Werke von China Mieville und seine Bas-Lag-Serie und das gab mir Mut, es nochmals anzugehen. Hier war eine neue, mutige Form von Fantasy, die sich um Schubladen einen Dreck scherte.«

Im Januar 2010 verfasste ein gewisser »Sean« glücklicherweise einen Kommentar auf PhantaNews. Der dabei hinterlassene Link wordwellen.wordpress.com er weckte schon allein aufgrund des Namens mein Interesse (und weil ich grundsätzlich neugierig bin), deswegen suchte ich diese Seite auf. Eine Anfrage später hatte ich dann auch schon die Erlaubnis, eine Story mit dem Titel GESCHICH­TEN FÜR DEN QUABBAKOTTR zu veröffentlichen. Danach verfolgte ich hier auf PhantaNews mit Artikeln und News die Entwicklung seines Romans TÍR NA NÓG.

TÍR NA NÓG ist inzwischen als Hörbuch im Action Verlag er schienen, die Fortsetzung TÚATHA DÉ DANANN erscheint am Horizont, ich hielt das für erstklassige Gründe, Sean O’Connell mit einigen Fragen zu behelligen und die Antworten kamen in Rekordzeit.

PhantaNews: Hallo Sean, vielen Dank für Deine Bereitschaft, Dich unseren bohrenden Fragen zu stellen! Wärst Du so freundlich, Dich unseren Lesern in ein paar Worten vorzustellen?

Sean O’Connell: Selbstverständlich … mein Name ist Sean O’Connell – und warum der Name so ist wie er ist, liegt daran, dass ich irisch-deutscher Herkunft bin –, Geburtsland: England. Also eine runde genetische Mischung sozusagen (lacht). Mit vier oder fünf Jahren lebte ich in London und hatte irgendwie das Glück, dass dort keine FSK existierte, denn eines Tages schleppte mich meine Mutter in die Premiere von SILENT RUNNING und von diesem Augenblick an, war es um mich ge­schehen. Ich hatte eine neue Liebe entdeckt: Science Fiction. Das Schreiben von Geschichten begann ich jedoch erst in Deutschland.

Dein aktuell als Hörbuch erschienenes Werk TÍR NA NÓG entzieht sich in haltlich erfreulicher Weise so ziemlich allen klassischen Genres. Man findet Abenteuerroman, Steampunk, Endzeit/Postapokalypse, Historienroman, Fantasy und SF darin wieder, und wenn ich noch ein wenig nachdenken würde, sicherlich noch ein paar Spielarten der Phantastik mehr. Wie konnte es dazu kommen?

TÍR NA NÓG ist eigentlich ein Konglomerat von vielen Konzepten die ich bereits seit 1982(!) verfolgt habe, von Science Fiction bis Thriller bis hin zum Templer- und Gralsroman. Ganz am Anfang stand MICHAEL ALTFELD UND SEINE SUCHE NACH DEM TABERNAKEL, so fing ich 1982 an. Als meine Tochter 2001 geboren wurde, also eine ganze Ecke später, hatte ich für die Geschichte mittlerweile eine fulminante Timeline entwickelt, die von -446.000 v. Chr. bis 43.600 n. Chr. reichte und schon mehrere, fast fix und fertige Fassungen gekostet hatte, die alle nicht funktionierten – die Sache war mir über den Kopf gewachsen und ich wußte mit dem ganzen Werk nicht mehr ein noch aus. Denn eins war mir längst klar geworden: in eine verwertbare Verleger-Schublade paßte das ganze Ding nicht. Doch dann stieß ich irgendwann auf die Werke von China Miéville und seine Bas-Lag-Serie und das gab mir Mut, es nochmals anzugehen. Hier war eine neue, mutige Form von Fantasy, die sich um Schubladen einen Dreck scherte. Ich beschloß eine Art Prequel zu meinem vorherigen Konzept zu erarbeiten. Ein alter Mann und ein Junge standen nun im Mittelpunkt der Handlung.

Wir wissen, dass Verlage gern in Schubladen denken – die dürften bei einem derartigen Roman die Hände über dem Kopf zusammen und die Tür vor der Nase zuschlagen. Warum hat man Deiner Ansicht nach heutzutage mit Ideen und Konzepten abseits des Mainstreams leider allzuoft »nur« bei Klein- und Special-Interest-Verlagen eine Chance?

Ich habe vor eineinhalb Jahren versucht, einige der großen Publikumsverlage für TÍR NA NÓG zu begeistern. Nach sechs Absagen habe ich aufgegeben. Niemand war auch nur im Geringsten interessiert. Warum sie diese Art von Romanen ablehnen, ist einfach: selbst wenn sie professionellen Ansprüchen genügen, sie sind betriebswirtschaftlich nicht ein schätzbar. Wo keine Absatzvoraussagen vorliegen, weil Neuland betreten wird (und das bei einem Autor ohne Namen) sind die Ängste entsprechend hoch. Früher mag das mal anders gewesen sein, in einer Zeit als die Lektoren vermutlich mächtiger waren. Da war man schon mal bereit, etwas zu versemmeln. Diese Blindgänger, sollte die Sache schiefgehen, wurden dann mit den Bestsellern des Hauses gegengerechnet. Heute ist der Wettbewerb jedoch größer, die Spielräume in dieser Hinsicht kleiner. Dennoch … man sollte nicht vergessen: das Wort Unternehmer kommt von unternehmen. Etwas mehr Risiko wäre also schön. Und was die Kleinen betrifft: diese Nischen, also Romane jenseits des Mainstreams, sind oft ihre einzige Chance, sich von den Publikumsverlagen abzuheben.

Persönlich möchte ich anmerken, dass der Genremix bisher (ich habe TÍR NA NÓG noch nicht zu Ende goutiert…) überaus unterhaltsam und kurzweilig ist und sich wohltuend von der Einheitsfantasy abhebt, die uns etliche der etablierten Verlage so zumuten.
Wie ist es zum Konzept der Welt von TÍR NA NÓG und dem soeben in Arbeit befindlichen Nachfolger TÚATHA DÉ DANANN gekommen? Die Begriffe kommen mir aus der irischen Mythologie nicht ganz unbekannt vor..?

Das ganze hat sich beim Schreiben der ersten zwei, drei Kapitel entwickelt. Irgendwann saß ich da und dachte darüber nach, was für eine Art Held Cornelis eigentlich war. Zu dieser Zeit las ich über die Gralsdichtung des 12. Jahrhunderts und fand große Parallelen zwischen Cornelis und den dort beschriebenen Rittern. Dann kam eins zum anderen: die Ursprünge des keltischen Zweigs der Gralsdichtung gründen sich, wie ich herausfand, auf irische Legenden über die Túatha Dé Danann. Alles fügte sich von selbst zusammen. Ich habe mir natürlich die Freiheit genommen, die Dinge ein bißchen zurechtzubiegen. Dann kamen andere Mythologien (auch moderne) hinzu: die Mu (besser bekannt als die »Kleinen Grauen« aus den UFO-Berichten), die Anunnaki (Sumerische Mythen), die Anansi (Afrika), das Glatisant (Gralsdichtung), etc. Die Idee dahinter war: was, wenn der Mensch nach Lust und Laune Schöpfer spielen darf? In meinem Roman erschaffen Bernadette und Juri-Hiro Ramnarough eine Scheibenwelt und bevölkern sie mit mythologischen Völkern und Fabelwesen.

Warum nur zwei Bände? Heutzutage schreibt doch der Phantastik-Autor, der etwas auf sich hält, gefühlt üblicherweise Serien nicht unter zehn Romanen? ;-)

Die Antwort ist einfach: weil ich langatmige Serien hasse! Ich habe so gut wie keine einzige zuende gelesen. Allerdings waren die Bücher um Cornelis auf drei Werke ausgelegt. Nach langem Grübeln habe ich sie aber auf zwei Bände zusammengestrichen (in der Tradition von Dan Simmons HYPERION-Duos sozusagen). Eine Trilogie, damals ohne Verlag, war mir irgendwie zu riskant.

Natürlich muss bei Autoren immer die Frage kommen, welche Werke Dich beeinflusst haben. Auf Anhieb würden mir allein durch den Inhalt von TÍR NA NÓG diverse Ideen hierzu kommen, aber ich möchte Dir nicht vorgreifen… :-)

Einflüsse auf meine Schreibe gibt es viele, für TÍR NA NÓG und TÚATHA DÉ DANANN würde ich hier im Speziellen aber China Mieville, Jeff Noon und vielleicht auch Michael Moorcock hervorheben. Aber weit, weit im Hintergrund gibt es auch schwache Anklänge an HERR DER RINGE, DER NAME DER ROSE und STAR WARS, wenn man an die Struktur des Mentors und seines jungen Schülers denkt. Ich war also mit Meister Aki und Cornelis in guter Gesellschaft. ;-)

So weit ich weiß, gehst Du einem Beruf nach und schreibst in Deiner Freizeit. Wie schwierig ist das, woher nimmst Du die Zeit und kannst Du Dich wenn es die Gegebenheiten erlauben »mal eben« hinsetzen und ein paar Seiten »heraushauen«? Ist das Erarbeiten von Manuskriptseiten Schwerarbeit, Fleiß oder einfach?

Das Schreiben in der Freizeit, die Arbeit, die Familie mit einer ebenso fleißigen wie begabt schreibenden Ehefrau, die auch mal in die Tasten hauen will, zwei quirligen Kids, machen die Sache nicht einfach. Man muss gut timen, was oftmals nicht leicht fällt. Aber hier haben mir die Ratschläge von Andreas Eschbach über das Schreiben wirklich weitergeholfen: eine Seite pro Tag – jede weitere ist Bonus. Und wie oft war ich froh, dass es nur eine Seite war.
Die Sache mit »ein paar Seiten raushauen« ist also eindeutig die Ausnahme, niemals die Regel. Das Erarbeiten der Seiten ist in der Regel aber einfach; selbst wenn ich keinen Bock habe, gehe ich einfach eine Seite zurück, lese das Geschriebene, finde es in der Regel grausam, und beginne mit dem Überarbeiten des bereits Geschriebenen und plötzlich ertappe ich mich dabei, dass ich bereits Neues schreibe.

Schreibst Du ein Buch in einem Rutsch durch und redigierst dann, oder überarbeitest Du nach jedem Kapitel?

So wohl als auch. Ist ein Kapitel fertig, schreibe ich im laufenden Text einfach weiter. Redigieren tue ich das fertig Geschriebene neben her … im Bett, in der Badewanne, selbst auf dem Klo.

Was inspiriert Dich beim Schreiben? Läuft nebenher Musik oder herrscht Stille?

In der Regel schreiben Susanne und ich in unserem kleinen Büro zeitgleich. Einer von beiden besorgt dann die Musik. Das passende Repertoire zum Schreiben ist nicht allzu groß: Beatles, U2, Arcade Fire, Runrig und Springsteen sind die meist gespielten Scheiben. [Bei »Susanne« handelt es sich Seans Ehefrau, die ebenfalls Phantastik schreibt, Link siehe unten. Anm. d. Red.]

In dem Zusammenhang auch die nächste Frage: hast Du das Schreiben »gelernt« oder bist Du ein Naturtalent?

Ich habe das Schreiben nicht gelernt, eher abgeschaut. Klar, ich war die längste Zeit meines Lebens Journalist, aber das ist nicht Schreiben im literarischen Sinn. Natürlich kann man es lernen, es ist ja unverkennbar ein Handwerk, aber früher gab es keine Schreibkurse. Ich betrieb also learning by doing. Lange Zeit wußte ich nicht wie schlecht ich war, und als ich es schließlich herausfand, war ich gottseidank bereits etwas besser, so dass ich nicht aufgab in meinem Bestreben Autor zu werden.

TÍR NA NÓG erschien zuerst als Hörbuch beim Action-Verlag. Wie ist es dazu gekommen?

Das ging flott. Als ich mein Manuskript an den Action-Verlag sandte, war es – so weit ich mich noch erinnern kann – noch ein Printverlag. Ich habe jedenfalls die Mail mit Exposé und Text­auszug an Andy Lettau am Vormittag abgeschickt und abends hatte ich dann die Zusage. Peng! Er war sofort von dieser Cross­overidee angetan und deswegen ging es ganz schnell. Dann hat der Action-Verlag sich in einen Hörbuchverlag verwandelt. Dass es ein Hörbuch geworden ist, stört mich aber nicht. Sprecher Christian Hanreich macht ein ganz tolles Erlebnis daraus. Kino für die Ohren sozusagen.

Die zu TÍR NA NÓG eintreffenden Kommentare der einschlägigen Genreseiten sind durch weg positiv. Dass das den Autor freut ist keine Frage, deswegen stelle ich sie nicht. Bist Du der Ansicht (oder Hoffnung), diese positive Resonanz erhöht die Chance, einen Verlag für eine Printversion zu finden (was mich persönlich freuen würde)? Oder hat etwa schon einer an geklopft?

Ich bin in Verhandlungen bezüglich Printausgabe, und ja, die gute Presse hat wohl auch zum Interesse beigetragen. So bald das Ding in trockenen Tüchern ist, werde ich mehr dazu verraten. Es gab davor schon drei, vier Verlage, die Interesse bekundet hatten, aber wir wurden uns … wie soll ich es sagen … nicht handelseinig. Seit dem warte ich erst ab, bis Tinte auf dem Vertrag ist.

Stichwort STARLORDS. Anfang der 80er hast Du zusammen mit Ulrich Peters und einem gewissen Arndt Ellmer (der Name dürfte insbesondere PERRY RHODAN-Lesern bekannt vorkommen) an dieser semiprofessionellen SF-Serie geschrieben, die in den Neunzigern nochmals erweitert veröffentlicht wurde. Worum geht es darin und gibt es heutzutage noch die Chance da ranzukommen?

STARLORDS war eigentlich eine völlig irre Schnapsidee von Ulrich Peters und mir. Da war ich gerademal sechzehn Jahre alt. Der Deal war folgen der: Peters sagte, besorge ein Konzept und ein paar Exposés und er würde Arndt Ellmer besorgen. Ich hielt das natürlich für völligen Quatsch, tat aber wie gewünscht, und Uli brachte tatsächlich Arndt Ellmer, der nicht nur Mentor des Projektes wurde, sondern uns zu sich nach Würzburg (sein damaliger Wohnsitz) einlud und mit uns die Manuskripte durchsah. Zum Ende meiner Ägide bei STARLORDS gab es zwei Romane (Band 1 von Sean O’Connell und Band 2 von Arndt Ellmer) und einige Exposés, Titelbilder (u.a. von Hubert Schweitzer) und Risszeichnungen (Georg Joergens). Danach löste sich die Sache in Luft auf. In den 90ern – ich lebte gerade in einer WG und hatte mit dem Schreiben wenig am Hut – teilte mir mein Mitbewohner mit, dass irgendein PERRY RHODAN-Autor am Telefon sei. Arndt Ellmer wollte für eine Wiederauflage der Serie das Manuskript auf Diskette im Wordformat. Dummerweise besaß ich nur eine Reiseschreibmaschine. Allerdings war ich damals nicht mehr am Projekt beteiligt. So weit ich weiß, sind vier, fünf Romane (vielleicht auch mehr) nach den alten Exposés erschienen. Genaues weiß aber nur der Meister der LKS-Seite bei Perry Rhodan.

Die Erstfassung von TÚATHA DÉ DANANN steht kurz vor seiner Vollendung (ich habe meine Spione überall) und muss dann über arbeitet werden, es ist also noch reichlich Arbeit an dem Roman zu tun. Trotzdem hier die böse Frage: gibt es schon Pläne für das »Danach”? Erst mal ausspannen und an den geschaffenen Werken erfreuen, oder geistern schon wieder neue Ideen durch den Autorenkopf?

Leider gibt es 2011 bereits volles Programm: in der »Ruhephase« von TÚATHA DÉ DANANN habe ich drei versprochene Kurzgeschichten geplant, zwei SF und ein Steampunk, da nach gehen die Recherchearbeiten für Buch drei los, das nichts mit dem Universum von Cornelis zu tun haben wird.

Vielen Dank für dieses Interview, Sean, und es wäre nun noch Gelegenheit für ein Schlusswort oder was Du schon immer mal in einem Interview sagen wolltest… :)

Also Stefan, jetzt mal im Ernst: glaubst du wirklich, ich würde so etwas sagen wie: »KAUFT MEINE BÜCHER!« – das ist völliger Quatsch! Würde ich nie sagen. Nee … echt nicht.

Originallink: PhantaNews

Sean-DortCon (c) R. Murmann

Sean-DortCon (c) R. Murmann

Clockworker.de, Im Salongespräch, 2. März

Im Salongespräch: Sean O’Connell

Für das heutige Salongespräch dürfen wir Sean O’Connell auf die Couch im Rauchersalon bitten. Sein Erstlingswerk “Tír na nÓg” nahm die Audible-Hörbuch-Charts im Sturm und bewies mir persönlich, dass es sinnvoll ist, die eigenen literarischen Vorurteile hin und wieder mal zu prüfen.

Sean O’Connell schreibt den Roman „Tír na nÓg“, das klang für mich erstmal nach keltischen Klischees. Gibt es den Sean wirklich und was macht er, wenn er nicht gerade Bestseller schreibt?

Sean: na ja, den Sean gibt es wirklich – er beantwortet gerade die Fragen hier . . . Warum sollte es ihn auch nicht geben? Falls du meinst, es handle sich um ein Pseudonym, passend zum Buchtitel, da muss ich dich leider enttäuschen. Der Name „Tír na nÓg“ übrigens, sowie die Rolle der Insel in der Handlung des Romans, ist etwas, das über einen relativ langen Zeitraum gewachsen ist. Die Story hat sich– ungelogen! – über Jahrzehnte hinweg aus drei Vorläuferromanfragmenten entwickelt und erst in dieser finalen Fassung wurde mir bewusst, dass ein Kernpunkt der Geschichte, Mythen sind.
Mythen bewegen uns Menschen seit jeher und die besten von ihnen geraten niemals in Vergessenheit. Die Gralsdichtung war schließlich der rote Faden der Geschichte, obwohl sie in der Handlung selbst nur mehr bei genauem Hinsehen zu erkennen ist. Die Ursprünge der Gralsdichtung sind nicht, wie man etwa meinen könnte, christlichen, sondern keltischen Ursprungs. Nachdem mir das klargeworden war, war es nicht mehr weit bis zur Idee der Insel „Tír na nÓg“, auf einer berühmten irischen Legende beruht. Aber diese Insel hat für mich auch noch einen ganz persönlichen Aspekt. Als ich meinen Vater, der die Familie sehr früh verlassen hatte, zur Zeit meines Studiums wiedergefunden und in Briefen etwas kennengelernt hatte, war er sehr schnell bemüht, mich mit irischen Mythen und insbesondere mit „Tír na nÓg“ und den „Túatha Dé Danann“ vertraut zu machen.

TNN ist dein Debüt und ist direkt hoch in die Hörbuch-Charts von Audible gekommen und das ohne eine Buchveröffentlichung als Grundlage. Hast du TNN schon als Hörbuch konzipiert und wenn ja, ist das Schreiben dann anders?

Sean: Nein, lustiger Weise habe ich „Tír na nÓg“ nicht als Hörbuch konzipiert. Als ich mit dem Action-Verlag zum ersten Mal Kontakt aufnahm, war er von seiner Ausrichtung noch ein Printverlag, nach dem Vertragsabschluss sah die Sachlage jedoch schon anders aus: plötzlich war aus dem erhofften Printverlag ein Hörbuchverlag geworden, einfach so. Aber der Schock hielt sich in Grenzen, obwohl ich zugeben muss, dass ich lieber ein gedrucktes Werk in den Händen halte als ein Hörbuch. Andererseits war es wirklich eine ganz außergewöhnliche Erfahrung, nach der Veröffentlichung die Stimme des Sprechers (Christian Hanreich) auf der DVD zu hören. Wow, das war wie Kopfkino in Stereo! Ich habe die Rohaufnahmen im Auto auf- und abgehört und war buchstäblich jedesmal wie im Rausch. Und was die Charts bei audible betrifft, nun, da war ich selbst ebenfalls ganz schön von den Socken. Ich kann es immer noch nicht glauben.

Dein Buch ist eine Mischung aus vielen Genres, dabei ins „echte“ Genrebücher deutlich besser zu verkaufen. Warum diese wilde Mischung?

Sean: Es ist eben ein typisches Erstlingswerk, etwas, das normalerweise in der Schublade landet, weil der Verfasser die Marktgepflogenheiten nicht kennt. Es ist aber auch das Buch, das man unbedingt schreiben “muss“, etwas, das nur so und nicht anders geschrieben werden kann. Ich habe immer einen Markt für die Story gesehen, aber vermutlich war ich zunächst der Einzige, der das tat (abgesehen von meiner Frau Susanne, die immer an „Tír na nÓg“ geglaubt hat). Zunächst habe ich mich beim Schreiben nicht um die Verkaufbarkeit der Story geschert, ich war froh, diese komplexe Story, die zunächst nur aus endlos vielen losen Mosaiksteinen bestand, irgendwie sinnvoll zusammenzufügen. Als ich doch darüber nachdachte, wie ich die Story einem Lektor schmackhaft machen kann, habe ich durch einen tollen Zufall fast zeitgleich China Mieville und seine Baslag-Romane entdeckt. Sie haben mich darin bestätigt, dass ein Genremix nicht nur möglich, sondern auch recht erfolgreich sein kann.

Die Welt in TNN ist ausgesprochen komplex mit einer langen Historie. Hast du riesige Karteikarten-Stapel auf dem Schreibtisch oder ist die Historie mit der Geschichte gewachsen?

Sean: Letzteres. Ich habe einfach in Corpus Mortui angefangen, einem kleinen, stinkenden Kaff, und habe mich langsam Stück für Stück nach Süden gearbeitet. Es gab geographische Eckpunkte die erreicht werden mussten, das Wie und Wieso entwickelte sich aber erst beim Schreiben. Ehrlich gesagt, hatte ich immer nur Sicht bis zur nächsten Biegung. Um mit den Worten Stephen Kings zu sprechen, die Story war ein im Erdreich verborgenes Fossil, dass ich nach und nach freilegte.

Die perfekte Schreibsituation ist für dich? Gibt es eine Muse?

Sean: „The muse is a bitch – you cannot trust her!“ An manchen Tagen bin ich in der Tat von der Muse geküsst wurden, meistens aber nicht. Oft musste ich mich knallhart – eine Seite pro Tag – semiinspiriert durchackern. Beim Überarbeiten kann man aber die fehlende Muse durchaus durch Fleiß und Ausdauer ersetzten. Die kreativen Parts habe ich ohnehin meist bei der Fahrt zur Arbeit entwickelt.

Was liest du privat am liebsten?

Sean: Genre und Nicht-Genre: Richard Powers, Kazuo Ishiguro, Dan Simmons, China Mieville, Cormac McCarthy, Jeff Noon, Ray Bradbury, George R. R. Martin.

Dein Geheimtipp in Sachen Literatur? Das Buch, welches kaum jemand kennt, aber sollte?

Sean: A. A. Attanasio: „Radix“ – einer der genialsten SF-Titel überhaupt, in den 80ern bei Bastei erschienen und mittlerweile völlig vergessen.

Wie wird es weitergehen, wird es vielleicht auch mehr Steampunk im Reiche TNN geben?

Sean: „Túatha Dé Danann“ wird etwas steampunkiger als „Tír na nÓg“ werden, in der Tat, aber erst in meinem nächsten Buch, das nichts mit Cornelis und Meister Aki zu tun haben wird, gibt es erstmals richtigen Steampunk.

Salonfragen:

Was ist für verkörpert für dich die Essenz des Gentleman/ der Lady?

Eine ehrliche Form der Ritterlichkeit, natürlich ohne Rüstung, dafür mit Smoking. Die Lady, ist nicht nur gekleidet wie eine Dame, sie verfügt auch über die entsprechenden Tugenden.

Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?

Die Abwesenheit von Leid. Aber wäre der Mensch dann zufriedener?

Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?

Wenn der Mensch seiner Tierhaftigkeit freien Lauf lässt.

Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?

David Niven.

Und sein weibliches Gegenstück?

Audrey Hepburn.

“Mein Königreich für ein Pferd!”, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?

Dem Korkenzieher.

Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?

Ein Schottenrock.

Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?

Paracelsus Allheilmittel für alle Fälle: Laudanum.

Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?

Am besten keine. Nur in der äußersten Not mag ein Dreitagebart gestattet sein.

Die größte technische Segnung?

Das Luftschiff.

Welche Erfindung fehlt der Welt?

Ein Aethergleiter zwischen den Welten für den Gentleman und seine Lady.

Und welche hätte es besser nie gegeben?

Die große Bombe.

Das Originalinterview gibt es hier: CLOCKWORKER.de

Das Interview unterliegt folgender Nutzungslizenz:

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GSF-Interview mit Sean O’Connell (Interview-Link)

Und dann gibt es da noch ein Selbst-Interview. Ja. Wirklich.

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