Ian R. MacLeod im Gepräch #2


Song of Time
Song of Time

WW: In deinem Buch “The Light Ages” (dt. “Aether”) spielt London eine entscheidende Rolle – warum sind diese Städte so faszinierend für Autoren und Leser?

McL: Ich denke, eine erwähnenswerte Entwicklung innerhalb der Genres ist die Urbanisierung der Phantasie. Aber das deckt sich auch mit den meisten unserer Erfahrungen als wir jung waren. Wir haben unsere Kindheit eben nicht mit dem Wandern durch dunkle Wälder verbracht – zumindest die meisten von uns nicht.
Viel eher waren es alte Fabriken, skurrilen Einkaufszentren und fremdartig aussehende Straßen, die unser Gefühl von Gefahr und Neugier befeuert haben.
In großen Städten hat man den Eindruck, daß hinter jeder Ecke etwas Überraschendes lauern könnte, oder dass sich etwas verändert hat, seit wir das letzte Mal eine Straße betreten haben. Städte sind so groß und voller Leben, dass man das Gefühl hat, niemand habe wirklich die Kontrolle über alles oder weiß, was geschehen wird. Das ist natürlich für Autoren sehr verlockend.

WW: Es sieht so aus, dass die britischen Autoren im Laufe der Jahre „Sword and Sorcery“ und „High Fantasy“ mehr und mehr verbannt und sich einer industrialisierten Art der Fantasy zugewandt haben. Wo liegen deines Erachtens die Wurzeln dieser Entwicklung?

McL: Um meine vorangegangene Antwort noch etwas weiterzudenken, muß man sich klar machen, dass Maschinen eine viel größere Rolle in unserem Leben spielen, als beispielsweise Pflanzen oder Tiere. Und dann haben wir unsere eigenen persönlichen Gefühle und Mythologien für sie entwickelt, so wie andere Völker in der Vergangenheit oder in anderen Kulturen es für Pferde und Bäume getan haben. Man bedenke nur, welche Gefühle wir für unsere Autos und unsere Computers entwickelt haben – wir mögen sie vielleicht nicht, aber wir wissen, dass wir von ihnen abhängig sind und dass sie in einer gewissen Art und Weise jenseits unserer Vorstellungskraft sind. Warum so viele Fantasygeschichten (auch meine) so gerne das Viktorianische Zeitalter bevorzugen, liegt in der Suche nach einer Möglichkeit, wie man all das, was ich gerade beschrieben habe, miteinander verbinden kann, ohne es alltäglich wirken zu lassen und es zudem mit dem eher rückwärts gewandten Ausrichtung der traditionellen Märchengeschichte verknüpft. Es ist eine Station auf halben Weg, die dir erlaubt gleichzeitig das Moderne und das Alte zu erforschen, genauso wie das Fremde und Vertraute. Es gibt bestimmte Zeiten die dieses gewisse Etwas haben. Das Viktorianische Zeitalter war so ein Zeitalter. Und, wie ich hoffentlich in „Wake Up and Dream“ herausgearbeitet zu haben, ist auch das Goldene Zeitalter von Hollywood genauso eine Zeit. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir bald eine ganze Menge Romane entdecken, die beispielsweise in den swingenden Sechzigerjahren spielen. In der Tat, das bringt mich glatt auf eine Idee . . .

UPDATE: an English version of the interview is published here.

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