Christian Hanreich im Gespräch


Hier kommt ein Gespräch, auf das ich mich ganz besonders freue: Christian Hanreich ist die VOICE von „Tír na nÓg“. Und jetzt steht er mir Rede und Antwort und lässt uns hinter die Kulissen der Buchvertonung blicken, eine ganz eigene, faszinierende Welt. Und keine leichte obendrein: manchmal leidet man unter extremen Temperaturen oder muss Tränen weinen, wie Christian zu erzählen weiß . . .

Christian Hanreich (Bild: Action-Verlag)
Christian Hanreich (Bild: Action-Verlag)

WW: Was viele brennend interessieren dürfte: wie wird man eigentlich Hörbuchsprecher? Wie bist du zu dem Projekt gekommen?

CH: Hörbuchsprecher ist im Grunde einer der ältesten Berufe überhaupt, weil er auf den Geschichtenerzähler am Lagerfeuer zurück geht. Schon seit meiner frühesten Jugend habe ich guten Erzählern gerne zugehört (aber wer tut das nicht?). Zum Beispiel Christian Brückner (Synchronstimme von Robert De Niro) hat mich von Anfang an fasziniert und meine Hörgewohnheiten geprägt. So etwas wollte ich schon immer machen. Die Leidenschaft war also geweckt. Eine angenehme Sprechstimme habe ich geschenkt bekommen. Dafür kann ich nichts. Über drei Jahre Schauspielunterricht und parallel dazu immer wieder Sprechunterricht bei diversen Lehrern haben mir dann aber das darüber hinaus nötige Rüstzeug mit auf den Weg gegeben. Nach vielen kleineren Aufträgen als Sprecher und auch zwei kurzen Hörbüchern bin ich dann eines Tages vom Action Verlag kontaktiert worden und die fragten mich, ob ich ein Hörbuch einsprechen wolle. Das war „Tír na nÒg“. Mit über 15 Stunden gleich ein Großprojekt…

WW: Welche technischen Voraussetzungen braucht man eigentlich um ein Hörbuch einzusprechen? Ein Diktiergerät wird wohl kaum zum Einsatz kommen.

CH: Das faszinierende am Sprechen von Hörbüchern ist die Möglichkeit, mit vergleichsweise geringem technischem Aufwand „großes Kino“ in den Köpfen der Zuhörer zu erzeugen. Wobei „geringer Aufwand“ hier natürlich relativ zu sehen ist. Ich benutze dafür ein professionelles Aufnahmegerät und einen einfachen PC mit entsprechender Software zum Schneiden meiner Arbeiten. Die Aufnahmen müssen in einem absolut ruhigem Raum erfolgen (also ohne Straßenlärm, Lüfter- oder Heizungsgeräusche oder Trittgeräusche von den Nachbarn). Dann braucht es auch noch eine kleine Sprecherkabine mit entsprechender Schallisolierung, damit es kein Echo von den Wänden geben kann. Die Aufnahme muss „trocken“ sein, womit gemeint ist, dass keinerlei Hall oder ähnliches mit aufgenommen werden darf. Wer sich entsprechend ausstatten will, kann sich schon mit knapp unter 1.000,- Euro alles erforderliche besorgen.

WW: Wie lange arbeitet man an einem Wälzer wie „Tír na nÓg“ und wie motiviert man sich dabei?

Die Selbstmotivation bei einem Projekt wie „Tír na nÒg“ ist vielleicht eine der größten Herausforderungen. Vor allem dann, wenn es bei den entscheidenden Passagen auch noch deutlich über 30 Grad Außentemperatur hat. Das war mit eines meiner größten Probleme. Aber – und das ist das entscheidende gewesen – als ich weit genug in die Geschichte vorgedrungen war, wollte ich unbedingt weiter machen. Schließlich konnte ich nicht mehr anders und musste täglich soviel einsprechen, bis meine Stimme nicht mehr gereicht hat. Dann kommt auch noch das Schneiden. Zumindest die groben Versprecher musste ich selbst raus nehmen, falsch betonte oder ausgesprochene Passagen noch einmal einsprechen und nahtlos in den Rest einfügen. Das war noch einmal eine sehr anstrengende Arbeit, weil sie viele male länger dauert wie das Einsprechen selbst. Insgesamt also bestimmt knapp 200 Arbeitsstunden.

WW: Wie gelingt es dir, dich in verschiedenen Charaktere hineinzudenken?

CH: Im Grunde weiß jeder Leser, wie sich die Figur in einem Roman fühlt. Als Schauspieler und Sprecher ist es nun meine Aufgabe, diese Gefühle selbst nach zu empfinden. Das heißt, man muss den Teil seines eigenen Charakters aus dem innersten hervor kramen, der dem Protagonisten am nächsten kommt. Das ist es im Grunde, was auch im Schauspielunterricht gelehrt wird: nicht, wie man etwas spielt, sondern wie man jemand wird, den man verkörpert. Leider hatte ich bei „Tír na nÒg“ nicht die Zeit, die ich gebraucht hätte, um jeder einzelnen der unzähligen facettenreichen Figuren gerecht zu werden. Das tut mir heute noch leid.

WW: Hast du „Tír na nÓg“ zuvor einmal durchgelesen oder beim Einsprechen die Story entdeckt?

CH: Das ist eine Frage der Zeit. Kurz nachdem ich den Auftrag erhalten hatte, begann ich den Roman „Tír na nÒg“ zu lesen. Einen Tag darauf wurde ich – bei meinem bis dahin Hauptarbeitgeber – gefeuert (in der Fernsehbranche geht das von einer Sekunde zur nächsten). Ich hatte also existentielle Probleme zu lösen und war gelinde gesagt vollkommen überfordert, mich mit unzähligen kleinen Jobs über Wasser zu halten und neue Perspektiven zu finden. „Tír na nÒg“ kam dabei zu kurz. Und entsprechend kurz war dann noch die Zeit, die ich bis zur Abgabe zur Verfügung hatte, um alles zu vollenden. Also musste ich einen Großteil „prima vista“, also beim ersten Lesen einsprechen. Der Vorteil dabei war, dass ich von bestimmten Passagen im Roman während des Sprechens so gefesselt und berührt war (z.B. als Cornelis die brennenden Espermane sieht und beschließt, den Rest des Stammes zu retten), dass ich sogar Tränen in den Augen hatte. Ehrlich gesagt hat mich das selbst überrascht und in einigen Abschnitten hat das dem Hörbuch eher gut getan, in anderen Abschnitten vielleicht weniger.

WW: Was wird die Zukunft bringen, welche Projekte stehen an?

Ich habe Anfang November 2010 geheiratet und praktisch ein vollkommen neues Leben begonnen. Ich bin von München wieder zurück in meine Oberbayerische Heimatstadt Traunstein gezogen und arbeite zur Zeit hauptsächlich für einen Radiosender in der Region, wo ich regelmäßig die Feierabendsendung moderiere. Die Erfahrungen, die ich mit „Tír na nÒg“ gemacht habe, sind aber in beruflicher Hinsicht die prägendsten in 2010 gewesen. Noch nie habe ich bei einem einzigen Auftrag technisch wie künstlerisch so viel dazugelernt. Ich fühle mich gut gerüstet für alles, was da noch kommen mag. Und ich hoffe, mich bald wieder in ein großes Projekt vertiefen zu dürfen – jetzt, wo ich die erforderliche Ruhe dafür habe.

(Anmerkung: ich hoffe natürlich, das Christian Hanreich auch „Túatha Dé Danann“ für den Action-Verlag einsprechen wird! Infos, wenn’s soweit ist, natürlich auf Wortwellen)

Advertisements