Gerd Ruebenstrunk im Gespräch


Vor kurzem habe ich mir freudig erregt (oder so ähnlich) die aktuelle Programmvorschau von Piper heruntergeladen – Business as usual? Fast . . . da war mitten im .pdf ein ungewöhnlicher Name (Gerd Ruebenstrunk) und ein ungewöhnlicher Titel (Das Wörterbuch des Viktor Vau). Sofort wollte ich wissen, was da dahinter steckt. Es roch hier in der Tat nach einem außergewöhnlichen Titel und die ersten Kritiken bestätigen es.

Gerd Ruebenstrunk enttarnt das Geheimnis des Wörterbuchs im Gespräch mit Wortwellen.

Viktor Vau
Viktor Vau

Die Story: Seit Jahrzehnten arbeitet Viktor Vau an seinem Wörterbuch – einer einzigartigen Sammlung von Begriffen, die die Welt so exakt beschreiben wie nie zuvor. Doch Viktor Vau ahnt nicht, dass sein Werk auch ein furchterregendes Geheimnis birgt. Als im Meer eine Raumkapsel unbekannter Herkunft entdeckt wird, stößt man darin auf eine Botschaft, die nur Viktor Vau entschlüsseln kann. Die Botschaft erschüttert die Welt – und ausgerechnet Viktor Vau steht im Mittelpunkt einer drohenden Katastrophe …

Gerd Ruebenstrunk
Gerd Ruebenstrunk

WW: Gerd Ruebenstrunk, du bist vor allem bekannt für deine Arthur-Bücher, geschrieben für ein jugendliches Publikum. Mit „Das Wörterbuch des Viktor Vau“ dringst du zum ersten Mal in den Bereich der Erwachsenenliteratur vor. Was hat dich dazu bewogen?

GR: Das hat sich eigentlich eher zufällig ergeben. Wenn ich eine Geschichte entwickle, dann denke ich erst einmal nicht daran, für welche Lesergruppe sie sich eignen könnte. Erst bei der Ausformulierung einer Idee stellt sich heraus, in welchen Bereich sie am besten passt. Und bei Viktor Vau war das eben eine erwachsene Zielgruppe.

Viktor Vau - Tagebuch
Viktor Vau - Das Tagebuch

WW: Der Wissenschaftler Viktor Vau entwickelt in deinem Roman eine Sprache, die für die Menschen in der Zukunft zur großen Gefahr wird. Inwiefern kann bloße Sprache gefährlich werden?

GR: Wir denken in Worten, deshalb kann Sprache unser Denken beeinflussen. Von den Nationalsozialisten wurden durch entsprechende sprachliche Konstruktionen, zum Beispiel indem bestimmte Begriffe inhaltlich neu besetzt wurden, die Juden erst abgewertet und dann ausgegrenzt. Am Ende stand dann ihre Vernichtung. Die NS-Sprache war sicher nicht allein dafür verantwortlich, aber sie spielte eine wichtige Rolle, um sich die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern. Das wird übrigens auch durch eine Reihe von Studien belegt.

WW: Eine exakte Sprache, wie die von Viktor Vau, lässt keinen Spielraum mehr für Unklarheiten. Alles ist exakt definiert. Kann so eine Sprache überhaupt erfunden werden und wenn ja, wie müsste sie aussehen?

GR: Es gab in der Vergangenheit mehrere Versuche von zu ihrer Zeit angesehenen Wissenschaftlern, eine solche Sprache zu entwickeln. Die bekannteste dieser Sprachen ist sicher die von John Wilkins, der von 1614 bis 1672 lebte. Er verteidigte Kopernikus, schrieb Bücher über Mathematik und Kryptographie, leitete Colleges in Oxford und Cambridge und war Bischof von Chester. Er unternahm den wohl ernsthaftesten Versuch der Entwicklung einer perfekten Sprache, die das gesamte Universum exakt und eindeutig abbilden sollte. Denn wie viele seiner Zeitgenossen war er davon überzeugt, dass die ungenaue Alltagssprache den wissenschaftlichen Fortschritt behindert. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges kommentierte Wilkins‘ Scheitern so: „Bekanntlich existiert keine Klassifikation des Universums, die nicht willkürlich und mutmaßlich wäre. Aus einem sehr einfachen Grund: Wir wissen nicht, was das Universum ist.“

Gerd Ruebenstrunk - Das Wörterbuch des Viktor Vau
Gerd Ruebenstrunk - Das Wörterbuch des Viktor Vau

WW: „Das Wörterbuch des Viktor Vau“ wirft zwischen den Zeilen die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft auf. Viktor Vau will seine selbst erfundene Sprache nie der Öffentlichkeit zugänglich machen, und dennoch kann er das nicht verhindern, die Zukunft der Menschheit ist durch seine Erfindung bedroht. Müssen sich Wissenschaftler nicht schon sehr früh im Rahmen ihrer Forschungen die Frage nach der „Büchse der Pandora“ stellen, oder darf Wissenschaft um der Forschung willen ohne Wenn und Aber betrieben werden?

GR: Auf diese Frage gibt es meiner Meinung nach keine eindeutige Antwort. Fortschritt ist nicht aufzuhalten, Wissensgewinn auch nicht. Es ist für mich weniger eine Frage der individuellen als der gesellschaftlichen Verantwortung.
Natürlich lässt sich das nicht so eindeutig trennen, und da fangen die Probleme an. Sehr oft können Forschungsergebnisse sowohl für gute als auch für schlechte Zwecke verwendet werden. Mit einem Revolver kann ich einen Diktator töten oder einen Unschuldigen ermorden. Mit Atomkraft kann ich Bomben bauen oder Energie erzeugen. Mit Biotechnologie kann ich biologische Waffen entwickeln oder Ernährungsprobleme lösen.
Was ist richtig, was ist falsch? Ich denke, das muss jeder Forscher für sich entscheiden. Ein Verbot würde das Problem nicht lösen.

WW: An einer Stelle im Buch wird der „Kampf zwischen beiden Gehirnhälften“ erwähnt. Linke und rechte Gehirnhälfte streiten angeblich um die Vormachtstellung. Ist das eine Erfindung von Gerd Ruebenstrunk oder ist das eine wissenschaftliche Theorie?

GR: Nein, das ist keineswegs eine Erfindung. Die moderne Hirnforschung weiß, dass die beiden Gehirnhälften ganz unterschiedlich operieren und auch unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Links ist eher die Ratio angesiedelt, rechts eher die Empathie.
Bei meinen Recherchen für Viktor Vau bin ich auf das Buch „The Master and his Emissary“ gestoßen. Der Autor, Iain McGilchrist, vertritt die These, dass die beiden Hemisphären seit jeher miteinander um die Vorherrschaft ringen. Er führt dazu zahlreiche neurologische Befunde an und betrachtet anschließend die letzten 2000 Jahre aus diesem Blickwinkel. So lebten seiner Meinung nach die alten Griechen im Zeitalter der rechten Gehirnhälfte, die Römer wurden von der linken Hälfte dominiert. So dokumentiert er den Wechsel der Hemisphärendominanz durch die Jahrhunderte. Heute sind wir nun, laut McGilchrist, an einem Punkt angekommen, an dem die linke Hälfte die rechte nahezu ausgeschaltet hat. Die Konsequenz ist eine starre, durchrationalisierte, enthumanisierte, egoistische und selbstzerstörerische Welt. Der Amoklauf der linken Hemisphäre führt zu einer Gesellschaft, in der Solidarität und der Schutz der Schwachen auf der Strecke bleiben.
Viktor Vau steht prototypisch für die linke Hemisphäre. Er hat sich eine eigene, fast hermetisch von der Außenwelt abgegrenzte Welt aufgebaut. Doch dann bricht das Leben mit geballter Macht in seine kleine Welt ein und zerstört sie für immer.

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