Bernd Perplies im Gespräch


Bernd Perplies - der vielseitige Phantast
Bernd Perplies - der vielseitige Phantast

Bernd Perplies ist vielseitig: Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. 2008 schrieb er seinen Debütroman „Tarean – Sohn des Fluchbringers“ und ist seitdem nicht mehr aus der deutschen Phantastikszene wegzudenken. Aktuell arbeitet er mit Christian Humberg und Michael Bayer an einer neuen Jugendserie namens „Drachengasse 13“.

WW: Dein aktuelles Projekt „Drachengasse 13“ ist nicht nur ein Fantasy-Werk für Kids, sondern wurde auch zusammen mit einem Co-Autor (Christian Humberg) verfasst. Ist das, nach drei Bänden „Magierdämmerung“ nicht ein inhaltlich radikaler Kurswechsel?

BP: Die „Drachengassen“-Reihe, die an junge und jung gebliebene Leser richtet, ist natürlich etwas ganz anderes als meine doch eher an erwachsene und gerne auch belesene Fantasy-Fans gerichtete „Magierdämmerung“. Aber ich war noch nie jemand, der sich gerne in einer Nische festschreibt, wie dies manche Fantasy-Autoren tun. Ich habe mit „Tarean“ zuerst eine All-Age-Fantasy-Trilogie vorgelegt, dazu parallel ein Abenteuerspielbuch im chtuloiden Roman-Universum von Wolfgang Hohlbeins „Hexer von Salem“ verfasst – übrigens auch mit Christian zusammen. Dann kam eben die dem Steampunk zugeschriebene „Magierdämmerung“ und hierzu gleichzeitig eine Kinderbuchreihe. Ich liebe diese Vielfalt, die es mir erlaubt, völlig unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen und Geschichten zu erzählen.

WW: Was muss man sich unter „Drachengasse 13“ vorstellen?

BP: „Drachengasse 13“ schildert die Abenteuer der Freunde Tomrin, Hanissa und Sando, die gemeinsam mit dem zahmen Jungdrachen Fleck in den Straßen der phantastischen Stadt Bondingor leben, zusammen mit Elfen, Zwergen, Trollen und zahlreichen anderen Fantasy-Wesen. Tomrin ist der Sohn des Gardehauptmanns und träumt davon, ein Held wie sein Vater zu werden. Die Halbwaise Hanissa lebt mit ihrer Mutter auf dem Campus der Magischen Universität und übt sich heimlich in der Kunst der Zauberei, was Mädchen eigentlich strengstens verboten ist. Und Straßenjunge Sando, der von Gump, dem Zwergenwirt der Hafenkneipe GUMPS BRANDUNG großgezogen wird, kennt Bondingor so gut wie die Tasche seiner dreifach geflickten Hose. Fleck schließlich ist ein Flugdrache, der nicht fliegen kann und ein großes Geheimnis hat.
Durch ihre Neugierde, ihre Hilfsbereitschaft und ihren Gerechtigkeitssinn stolpern unsere jungen Helden dabei immer wieder in Abenteuer. In den Augen von uns Autoren folgen sie damit abenteuerlustigen Kindergruppen wie den „??? Fragezeichen“ oder „Fünf Freunden“, allerdings erweitern wir diese Reihen, in denen es um Kriminalfälle und Abenteuer geht, um das phantastische und nicht selten auch das humorvoll absurde Element. Beispielsweise gibt es über
den Dächern Bondingors eine Horde Kobolde, die einen unabhängigen Freistaat gegründet hat und sich kein bisschen um das schert, was jenseits der Dachrinnen geschieht? Und auf dem Magiercampus unterrichtet ein Geist Geisterkunde. Solche witzigen Details zu erfinden, macht einen nicht geringen Reiz der Arbeit an der Reihe aus.

WW: Schreiben mit einem Co-Autor – wie funktioniert das? Wie läuft das in der Praxis ab?

BP: In unserem Fall steckt dahinter eine sehr genaue Vorausplanung, die ein ordentliches Kapitelexposé voraussetzt, in dem vor allem die Anschlüsse zwischen den Kapiteln genau aufgeführt sind. Danach folgen diverse gemeinsame Schreibtage, an denen jeder an den ihm zugewiesenen Kapiteln schreibt. Dabei haben sich schon gewisse Vorlieben herauskristallisiert. Beispielsweise schreibe ich gerne Kapitel, die in der Magischen Universität spielen, während Christian praktisch in GUMPS BRANDUNG zuhause ist. Natürlich tauschen wir die Kapitel zeitnah aus und kritisieren uns gegenseitig. Am Ende geht jeder von uns noch einmal komplett über das Manuskript und nimmt Verbesserungen daran vor. Über deren Sinn und Nutzen streiten wir dann zwei Tage, und schließlich ist das Buch fertig.

Fantasy für Kids: Drachengasse13
Fantasy für Kids: Drachengasse13

WW: Der Verlagswechsel (von Lyx zu Schneiderbuch) war wohl nicht allzu anstrengend, oder? Wie ist das Projekt „Drachengasse 13“ entstanden, wie reagierte der Lektor bei Lyx darauf?

BP: Nach „Das schleichende Grauen“, unserem gemeinsamen „Hexer“-Spielbuch, wollten Christian und ich unbedingt ein weiteres Projekt zusammen machen. Erst haben wir uns im Spielbuchbereich umgeschaut, aber richtig abgehoben sind diese vagen Pläne nie. Dann kam uns die Idee einer Kinderbuch-Reihe. An den genauen Auslöser erinnere ich
mich gar nicht mehr. Wahrscheinlich wünschten wir uns, zusammen ein kleines „Universum“ entwickeln zu können – und natürlich (Dank des Reihencharakters) regelmäßig was zusammen schreiben zu dürfen. Das Exposé haben wir an unsere Agentur weitergegeben, die es verschiedenen Kinderbuchverlagen angeboten hat. Dass mit SchneiderBuch ein Verlag der Egmont-Gruppe zugeschlagen hat, war ein glücklicher Zufall (oder vielleicht haben die Kollegen auch mal ein Stockwerk tiefer bei LYX nachgefragt, wie ich so schreibe 😉 ). Darauf reagiert hat LYX eigentlich gar nicht. Da die Mitarbeiter dort alle sehr eng zusammenarbeiten, nehme ich an, dass sie sich über jedes schöne Buch freuen, das bei ihnen erscheint.

WW: Wenn man deine Publikationen betrachtet, scheinst du beim Schreiben Serien zugetan zu sein. Wirst du auch zukünftig in Mehrteilern produzieren oder können die Leser auch mal mit abgeschlossenen Einzelwerken rechnen?

BP: Tatsächlich ist es gar nicht mir geschuldet, dass ich bislang nur in Reihen geschrieben habe. Es war LYX’ Wunsch. „Tarean – Sohn des Fluchbringers“ war ursprünglich ebenso als Einzelband angelegt,
wie „Magierdämmerung“ im ersten Exposé noch ein dicker Wälzer war. Allerdings mögen Verlage Trilogien, da sie sich besser vermarkten lassen und länger Leser binden, als ein Einzelwerk. Ich wäre auch absolut für Einzelromane zu haben, aber in absehbarer Zeit werden es wohl die Reihen bleiben.

WW: Markus Heitz hat die Science Fiction für sich wiederentdeckt – mit was wird Bernd Perplies als nächstes aufwarten?

BP: Auch bei mit geht es in die Zukunft, wenn auch eine Zukunft ohne Raumschiffe und Außerirdische. Da sich das Projekt noch in einer sehr frühen Phase befindet, kann ich dazu leider noch nicht viel sagen. Es wird wieder in einer großen Stadt beginnen (so wie die „Magierdämmerung“ auch). Diese Stadt wird nicht London sein. Und ich werde mich nach
dem sehr großen Ensemble der „Magierdämmerung“ wieder auf eine etwas kleinere Gruppe konzentrieren. Mehr dazu, wenn mehr gesagt werden darf. Aber zuerst kommt ja jetzt noch mein Finale der „Magierdämmerung“, außerdem sind die Bände 3 und 4 der „Drachengasse“ in der Mache – und Christian und ich sind von den Stories sehr begeistert.

Magierdämmerung - Bernds Steampunk-Serie
Magierdämmerung - Bernds Steampunk-Serie

WW: Wie siehst du die Deutsche Phantastik: Wird sie weiterhin eine starke Rolle im Handel spielen, oder ist mit einem Abschwung zu rechnen? Und wenn nicht, was ist „The Next Big Thing“?

BP: Ich denke, es ist alles in Relationen zu sehen. Im Segment der Phantastik haben die Deutschen seit der Völkerfantasy ja ordentlich zugelegt, und ich denke, dass jetzt, wo die Leser wissen, dass wir es genauso gut können, wie unsere Kollegen aus England oder Amerika, auch zukünftig eine stabiler Teil des Kuchens von deutschen Autoren beigesteuert wird. Im Hinblick auf Buchsegmente wie den Thriller oder den Krimi backen wir natürlich nach wie vor kleine Brötchen (wie viele Fantasy-Bücher landen schon längerfristig auf den Bestsellerlisten?). Daran wird sich in absehbarer Zeit auch kaum etwas ändern, da der Großteil der Leserschaft schlicht Geschichten aus ihrer Erfahrungswelt
konsumieren will. Orks und Elfen sind diesen Lesern genauso fremd wie Raumpiloten, Vampire oder britische Gentlemenmagier.
An „The Next Big Thing“ glaube ich gegenwärtig nicht. Durch Filme wie „Lord of the Rings“, „Harry Potter“ und „Bis(s)“ sind Fantasy, All-Age-Fantasy und Vampirromane zwar durchgestartet wie lange nicht mehr, aber jetzt teilt sich das Feld gerade sehr stark auf. Die drei genannten Stützen der gegenwärtigen Phantastik verkaufen sich nach wie vor am Besten, daneben suchen Verlage in Ecken wie Engelsphantastik, Zombies, Dystopien und Steampunk nach TNBT, aber im Grunde läuft hier sehr viel parallel auf kleinerer Schiene. Einen neuen Platzhirsch gibt es nicht. Aber das muss ja auch nicht sein. Nachdem ein paar Superbestseller die Bresche geschlagen haben, darf jetzt gerne die bunte Welle folgen, die unterschiedlichste Subgenre bedient und dabei auch Genregrenzen auslotet. Denn auch wenn man vielen Lesern nachsagt, dass sie am liebsten „more of the same“ lesen, glaube ich doch, das gerade das, was so noch nie erzählt wurde, den Reiz des Phantastik-Genres ausmacht.