Wolfgang Brunner im Gespräch


Wolfgang Brunner
Wolfgang Brunner

Wolfgang Brunner ist ein Autor, der sich nicht schubladisieren lässt. Er schreibt in vielen Genres, hat verschiedene literarische Vorlieben. Im Gespräch mit Wortwellen spricht er über seinen neuesten Roman, erschienen im Pia Bächtold Verlag.

WW: Dein neues Buch „Die Weiße Frau“ ist ein Gespensterroman und erzählt die Legende vom Schloss Ringenberg aus Hamminkeln. Was hat es damit auf sich?

WB: „Weiße Frauen“ und Geschichten über sie gibt es zuhauf in Deutschland und auf der ganzen Welt. Meist steckt dahinter der Mythos einer starken Frau, der vor allem in jenen unruhigen, kriegsgebeutelten Zeiten vielen Menschen Halt und Trost gab. Diese Legenden sind teils vollkommen undurchsichtig und lassen gar nicht erst zu, die „Weiße Frau“ eindeutig zu identifizieren. Oft werden diesen Personen dann sogar mehrere Frauengestalten aus dieser Zeit nachgesagt.
Die Legende der „Weißen Frau“ des Schlosses Ringenberg in Hamminkeln erzählt von der unglücklichen Liebe zweier Menschen, die nicht von gleichem Stand waren. In der damaligen Zeit war es äußerst schwierig und nicht gerne gesehen, wenn sich ein armes Bauernmädchen in einen Adligen verliebte. Wenn die beiden sich dann dennoch über die damals gängigen Konventionen hinwegsetzten und an ihrer Beziehung festhielten, war ein Unglück praktisch vorprogrammiert: meine „Weiße Frau“ wird in ein Nonnenkloster gebracht, aus dem der Adlige sie mit einer List befreit und ins Ringenberg Schloss bringt, wo er sie in einem geheimen Turmzimmer versteckt. In den Wirren des Spanischen Kriegs, als die Holländer die Gegend des Rhein zerstörten, sollte die Frau, um die es in meiner Geschichte geht, von den Kriegsgegnern entführt werden, während ihr Liebster gegen die feindlichen Armeen kämpfte. Um nicht in die Gefangenschaft der Gegner zu kommen, sprang die Frau aus dem Turmfenster in den Tod … und natürlich auch aus Liebe …
Die Sage ist, wie gesagt, sehr undurchsichtig und so habe ich vor historischem Hintergrund eine fiktionale Liebesgeschichte entworfen, bei der ich mir auch so manche Freiheiten erlauben konnte. Schon Wilkie Collins, der beste Freund des bekannten Schriftsteller Charles Dickens, widmete sich diesem Thema. In seinem Roman „Die Frau in Weiß“ schildert er eine ähnliche Geschichte, die allerdings nicht in Deutschland spielt und die der Komponist Andrew Lloyd Webber vor einiger Zeit zu einem wunderbaren Musical verarbeitet hat.

WW: Was fasziniert die Leser immer noch an Gespenstergeschichten?

WB: Ich denke, der Reiz an solchen Geschichten liegt an der Mischung aus wahren Begebenheiten und unheimlichen, mysteriösen Legendenbildungen. Viele Romane und Filme basieren auf derartigen Sagen und werden publikumsgerecht bearbeitet. Die Faszination an solchen Erzählungen hat ihren Ursprung bestimmt auch aus jahrhundertelangen Abwandlungen und daraus resultierenden Mystifizierungen von ursprünglich wahren Begebenheiten, die aber im Laufe der Zeit den Charakter eines unheimlichen Geheimnisses annehmen und die Menschen entsprechend in ihren Bann schlagen.
Jedes Kind liebt Gespenstergeschichten und im Erwachsenenalter hält diese Begeisterung meist an, zumal man sich dann neben dem unheimlichen Aspekt auch mit den historischen Hintergründen beschäftigt, auf denen die Legende aufbaut. Solche Romane und Erzählungen rufen Erinnerungen wach und man fühlt sich in seine Kindheit zurück versetzt, wenn man sie liest.
An meiner Gespenstergeschichte ist das Besondere, dass viele historische Ereignisse in die erfundene Geschichte eingebaut sind und dem Ganzen dann doch eine gewisse Note von „Wahrheit“ gibt. Einer meiner Testleser, ein Hobby-Historiker, machte mir mit nachfolgender Aussage ein großes Kompliment, das mich außerordentlich freute: „Fantastisch, welche Ideen, Leute, Räume, Epochen Sie verwendet haben, um aus der „Weißen Frau“ ein spannendes Buch zu machen. Beim Lesen hatte ich manchmal das Gefühl, es ist alles wahr und echt und keine Legende.“

WW: Du hast zirka zehn Jahre in Berlin gewohnt. Inwiefern prägt eine so große Stadt den Menschen und Schriftsteller Wolfgang Brunner und was verschlug dich an den Niederrhein?

WB: Berlin ist eine fantastische und facettenreiche Stadt, die dadurch zwangsläufig auf mich als Menschen, aber auch als Schriftsteller Einfluss ausübte und noch immer ausübt. Erst einmal ist das überaus umfangreiche kulturelle Angebot Auslöser zahlreicher Ideen für mein Autorengehirn und wirkt sich im persönlichen Bereich ungemein auf ein stets aktuelles Bildungsniveau aus. Der Multikulti-Charakter der Stadt war und ist nach wie vor äußerst interessant für mich, da ich als Schriftsteller permanent und gerne Menschen und ihre Eigenheiten beobachte. Durch die vielfältigen Kulturen der Menschen, die in Berlin leben, gewinnt man als Beobachter einen interessanten Einblick in verschiedene Lebensweisen.
2007 lernte ich meine Lebensgefährtin Marion Gallus kennen, die am Niederrhein lebte. Eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Hamminkeln war nervenaufreibend und bald von uns beiden nicht mehr gewollt. Ein Umzug war also unausweichlich und schließlich war ich derjenige, der seinen Wohnsitz verlegte.
Berlin und Hamminkeln als Städte zu vergleichen funktioniert nicht. Hier in ländlicher Umgebung fand ich außer dem persönlichen Glück noch die nötige Ruhe, um an meinen zahlreichen Projekten zu schreiben.

WW: Wie sehen deine zukünftigen Projekte aus, was dürfen deine Leser als nächstes von dir erwarten?

WB: Neben den Arbeiten an den Zweitauflagen meiner ersten drei Romane, widme ich mich momentan dem Redigieren der beiden Bücher „Cryptanus – Der Kampf um Salva Sens“ und „Kim Schepper und der Aufstand der Schatten“, die voraussichtlich beide 2012 im Verlag Pia Bächtold erscheinen. Ansonsten bin ich ein eher ruheloser Geist, wenn es ums Schreiben geht: unzählige Ideen und Projekte sind in meinen Gedanken bereits zu großen Teilen fertig und warten darauf, zu Papier gebracht zu werden. Der vierte und abschließende Teil der Cryptanus-Reihe mit dem Arbeitstitel „Parr“ ist zum Beispiel in Arbeit, wie auch die Bände 3 – 5 der Kim Schepper-Reihe, ein Roman über Demenz, eine Hommage an John Irving und … und … und …
Derzeit arbeite ich an einem Horror-Roman mit dem Arbeitstitel „Scary Monsters“, der viele Anspielungen auf die Horrorfilme der 80er, 90er und 2000er Jahre enthält.
Ich werde auf jeden Fall meiner Überzeugung, mich keinem festen Genre zu unterwerfen, treu bleiben. Meine Leserinnen und Leser werden sich, wenn sie meinen Schreibstil und die Romane mögen, in unterschiedlichen Genres aufhalten müssen. 😉

Die weisse Frau - Pia Bächtold Verlag
Die weisse Frau - Pia Bächtold Verlag