Alex Jahnke im Gespräch


Seit Jahren schon erfreut sich im phantastischen Genre ein Subbereich ganz besonderer Beliebtheit: der Steampunk. Schon Autor Ian R. MacLeod prophezeihte, dass die Entwicklung in der Phantastischen Literatur zur „Urbanisierung der Phantasie“ führen würde, denn schließlich – ganz im Gegensatz zur Generation Tolkien –  „… haben [wir] unsere Kindheit eben nicht mit dem Wandern durch dunkle Wälder verbracht …“ Steampunk als literarische Strömung hat im angloamerikanischen Raum in den 80ern begonnen und ist dort mittlerweile eine ausgeprägte Subkultur, die literaturübergreifend Mode und Design mit einem einzigartigen Retrolook prägt, der, aus der Sicht des viktorianischen Zeitalters betrachtet, die Zukunft darstellt. In Deutschland wird dieses an die Romane von Jules Verne und H.G. Wells erinnernde Subgenre (obwohl Verne und Wells nichts mit Steampunk zu tun haben) meist noch als Randphänomen wahrgenommen, doch auch hier wächst die Anhängerschaft und die Zahl der Publikationen Jahr für Jahr.

Nun erscheint im September im IT-Verlag O’Reilly ein wichtiges Steampunk-Nachschlagewerk für alle, die mehr über diese neue Strömung wissen möchten: „Steampunk – kurz & geek“. Verfasser sind die Verantwortlichen der beiden wichtigsten Steampunk-Blogs in Deutschland: Clockworker.de und daily-steampunk.com, Alex Jahnke und Marcus Rauchfuß.

"Steampunk - kurz & geek" erscheint Ende September bei O'Reilly
„Steampunk – kurz & geek“ erscheint Ende September bei O’Reilly

WW: Dein Blog Clockworker.de gilt in Deutschland (neben Daily-Steampunk.com von Marcus Rauchfuß) als erste Adresse für Freunde dieser ganz besonderen Literaturgattung in Deutschland. Nun hast du dich mit Marcus zusammengetan und ein Buch über Steampunk geschrieben mit dem Titel „Steampunk – kurz & geek“. Was bewegte euch dazu?

AJ: Ein Angebot, dass wir nicht abschlagen konnten. 😉 Volker Bombien, der Lektor für die Reihe “kurz&geek” bei O’Reilly ist an uns herangetreten und hat uns gefragt, ob wir ein Buch über Steampunk schreiben wollen. Wir waren natürlich beide begeistert und haben direkt zugesagt. Da wir beide auch Geeks sind, waren wir natürlich um so begeisterter, dies für O’Reilly tun zu können, einem Verlag von dem wir einiges an Bücher im Regal stehen haben. Den Traum ein Buch zu schreiben, hat sicherlich fast jeder irgendwann mal, bei uns hat er sich erfüllt.

WW: Was erwartet den geneigten Leser in dem 200seitigen Nachschlagewerk?

AJ: Eine (hoffentlich) amüsante Einführung in die vielen Facetten des Steampunk Literatur, Do-It-Yourself, Subkultur, seine Geschichte und ein kleiner Ausblick in die Zukunft. Es richtet sich also eher an den Leser, der mehr wissen möchte, als an den erfahrenen Steampunker. Letzterer wird aber vielleicht auch Spaß daran haben und eine ihm noch unbekannte Facette des Genres entdecken. So ist es uns jedenfalls im Laufe der Arbeit an dem Buch gegangen, trotz der vielen Jahre in der Steampunk-Szene haben wir auch immer wieder neue Dinge entdeckt, von denen wir vorher noch nie gehört hatten. Wir möchten einen Einblick darin geben, was das Genre so faszinierend macht und zur weiteren Erforschung durch den Leser einladen. Steampunk ist eine Kultur des Selbermachens und so kann das Buch auch nur eine Einladung sein, die abenteuerliche Welt aus Dampf, Diesel und Wissenschaft selber zu erfahren.

Eines ist das Buch sicher nicht: Die Steampunk Bibel an der sich der Steampunk zu orientieren hat. Es ist nur ein Blickwinkel auf das Genre, jeder hat seinen eigenen.

Autor Alex Jahnke - ein Geek schreibt für Geeks.
Autor Alex Jahnke – ein Geek schreibt für Geeks.

WW: Wie lief denn die Koordination zwischen Dir und deinem Co-Autor ab?

AJ: Wir kannten uns zwar über unsere Blogs, hatten aber vor dem Buch noch nie miteinander gesprochen. Persönlich kennengelernt haben wir uns erst einige Monate später auf dem Steampunktreffen “Zeitschneise” in Mannheim. Das hat bei der Arbeit aber nicht gestört, da wir sehr geekig und pragmatisch vorgegangen sind.

Als erstes entstand eine grobe Gliederung der Themen und Kapitel ein einem Piratepad, einem Tool zur Online-Kolaboration von Texten. Dies war praktisch auch unser Expose, welches an den Verlag ging. Die Kapitel haben wir zwischen uns aufgeteilt und danach ist jeder in sein Kämmerlein gegangen und hat geschrieben. Die Texte wurden in Dropbox gespeichert, so dass wir beide immer Zugriff darauf hatten. Kurzfristige Absprachen liefen über Skypekonferenzen und hin und wieder per Twitter. Gegen Ende des Buches gingen natürlich auch noch viele Emails zwischen uns und dem Lektor hin und her, um den Feinschliff zu machen. Man glaubt gar nicht, auf wieviele Arten man “Do-It-Yourself” schreiben kann. 🙂

WW: Erscheinen wird das Werk Ende September im O’Reilly-Verlag, einem Fachverlag für IT-Sachbücher. Was haben ausgerechnet Informatiker mit einem Genre zu tun, das im Wesentlichen im 19. Jahrhundert angesiedelt ist?

AJ: O’Reilly ist zwar ein Fachverlag für IT-Literatur, kennt aber seine Leser gut und weiß, dass sie auch andere Interessen haben. Diese Interessen hat der Verlag auch schon länger im Programm, wie den Geek-Atlas oder Kochen für Geeks.

Relativ neu ist die Reihe “kurz&geek” in der ein geekiges Thema knapp und amüsant vorgestellt wird. Darin erschienen bereits ein Buch über Hackerbrause, also die koffeinhaltigen Energydrinks, weitere Bücher zu Häkeln&Stricken oder Eltern werden/sein werden im Laufe des Jahres folgen. Auch IT-Menschen haben ein ganz normales Leben, auch wenn man das oft nicht vermutet. 🙂 Da Steampunk eine Geek-Kultur ist und es neben der reinen Ästhetik und Literatur auch eine tiefere Philosophie hat, passt es auch gut in eine Reihe mit geekigen Themen.

WW: Würdest du Steampunk als Subgenre der Fantasy ansehen?

AJ: Das hängt stark von deiner Definition von Fantasy ab. Wenn du sie als “Sword & Socery” definierst, also rein pseudo-mittelalterlich, dann sicherlich nicht.

Der literarische Teil des Steampunk gehört für mich zur Science Fiction, auch wenn man mittlerweile sehr viele romantische Steampunk-Liebesromane bei den Verlagen findet. Aber in seinem Ursprung ging und geht es um eine alternative Gesellschaft und ein “Was wäre wenn…” Gedanke. Nur weil die Ästhetik auf der des 19. Jahrhunderts beruht, kommt die Technik dazu nicht aus der Mottenkiste, sondern kann ebenfalls sehr fortschrittlich sein. Ein schönes Beispiel dafür ist Neil Stephensons “The Diamond Age”.

Alex Jahnke - auf das richtige 'look & feel' kommt es an.
Alex Jahnke – auf das richtige ‚look & feel‘ kommt es an.

WW: Sind Steampunk-Leser verkappte Science Fiction Leser, denen der Mut abhanden gekommen ist, in die Zukunft zu blicken?

Ganz im Gegenteil, würde ich sagen. Ich empfinde den “normalen” Science Fiction eher als mutlos, da er sich kaum noch mit der Entwicklung alternativer Gesellschaftsformen beschäftigt und auch sonst sehr konservativ geworden ist. Leider wird Steampunk oft mit Jules Verne oder H.G. Wells gleich gesetzt. Beide haben aber nichts mit Steampunk direkt zu tun. Sie haben in ihrer Zeit Science Fiction geschrieben und ihre Gesellschaft und Technik in die  Zukunft extrapoliert. Steampunk nimmt sich der Ästhetik und Werte dieser Zeit an, findet aber heute statt und nicht in der Vergangenheit. Es geht nicht darum zu sagen “Ach was hätte ich damals gerne  gelebt”, sondern die positiven Elemente und Einstellung auf unsere Zeit zu übertragen und in eine Zukunft zu versetzen. Steampunk trägt das “Punk” nicht von ungefähr im Namen, da es eine anarchistische Komponente hat, die sich gegen bestehende Normen wendet. Schließlich war die viktorianische Zeit nicht nur für ihre Teestunden und Umgangsformen bekannt, sondern auch für Maschinenstürmer und Arbeiteraufstände.

WW: Eine Einschätzung vom Fachmann: wird Steampunk in Zukunft einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie zum Beispiel in England oder in Amerika?

AJ: Wahrscheinlich nicht. In den USA  finden fast jedes Wochenende große Conventions statt und beim letzten Asylum-Treffen in England waren über 1300 Steampunker anwesend. Von diesen Zahlen können wir nur träumen und werden wir wahrscheinlich nie erreichen.

Die deutschen Verlage haben sich fast alle sehr abwartend gegenüber Steampunk verhalten und wollten lieber weiter mit Glitzervampiren und Kapuzenfantasy Geld verdienen. Daher sind nur wenige Bücher auf den deutschen Markt gekommen und diese wurden nicht mit einer Marketingkampange unterstützt. So findet man selbst einschlägige Genreromane nicht unter dem Begriff “Steampunk” in Online-Buchläden, da sie in den normalen fantastischen Reihen untergehen.

Zu dem ist die viktorianische Zeit in den angelsächsischen Ländern viel präsenter als in Deutschland, hier beschäftigt man sich lieber mit dem Mittelalter als mit der Gründerzeit. Aber vielleicht habe ich auch Unrecht und die Szene wächst einfach nur langsamer und legt einen anderen Schwerpunkt. In den USA ist die Musik der Schwerpunkt der Szene geworden, in England die Literatur, vielleicht sucht Deutschland noch nach dem richtigen Element.

Für die Szene selber ist es aber völlig gleichgültig, ob ein bestimmter Stellenwert erreicht wird oder nicht. Sie wird nicht sterben, nur weil wir keine Stadien füllen werden. 🙂
WW: Vielen Dank für das Gespräch.