Wohin dreht sich die Buchwelt 2013, Leander Wattig?


[Eine neue Rubrik auf Wortwellen bis Jahresende]

Gutenbergs Erben schreiten nicht geordnet, sondern taumeln geradezu ins digitale Zeitalter – auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war allenthalben von ‚Krise‘ und ‚Ratlosigkeit‘ angesichts von Themen wie Urheberrechtsreform oder eBooks die Rede. Der Ausblick aufs kommende Jahr ist für die Branche ungewiss. Wird das gedruckte Papier (ja gar die Verlagswelt selbst) weiterbestehen oder durch neue Medien und neue Player ersetzt, werden gestandene Bestsellerautoren von unbedarften No-Names auf dem digitalen Marktplatz verdrängt? Was sind die Inhalte von morgen? Die Auguren des Feuilletons und des Börsenvereins finden im Kaffeesatz keine Antworten mehr auf diese Frage. Jetzt sollen die Macher selbst (Autoren, Verleger, Medienprofis, Herausgeber) hier auf Wortwellen zumindest ihrem (professionellen) Bauchgefühl Ausdruck verleihen und einen Blick in die Zukunft riskieren …

Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen
Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen

 

Heute: Leander Wattig, Initiator und Organisator von “Ich mach was mit Büchern” 

Leander Wattig
Leander Wattig

WW: Welche grundlegenden Veränderung erwartest du in der Buchbranche 2013?

LW: Alle wesentlichen Veränderungen, welche wir auf dem Buchmarkt derzeit beobachten, sind technikgetrieben. Die Technik-Entwicklung schreitet ungebremst voran. Daher wird die Buchbranche auch 2013 vor der Herausforderung stehen, mit der Entwicklungsgeschwindigkeit Schritt zu halten. Das betrifft vor allem den Ausbau neuer Geschäftsmodelle – Stichwort u.a. Abo- und Flatratemodelle –, mit deren Hilfe in traditionellen Bereichen wegbrechende Umsätze kompensiert werden sollen.

WW: Worauf müssen sich die Macher einstellen?

LW: Eine Folge der Entwicklung ist, dass Unternehmen aus anderen und oft technisch geprägten  Bereichen zunehmend in den Buchmarkt drängen. Das beste Beispiel dafür ist ja Amazon. Hier wird die Buchbranche aufpassen müssen, sich nicht auf zu vielen Feldern wegdrängen zu lassen. Zudem erwarte ich auch mehr Wettbewerb durch Start-Ups, die das Lesen im weitesten Sinne neu erfinden wollen. Eine echte Start-Up-Kultur hat es bisher ja nicht gegeben auf dem Buchmarkt – aber sie kommt.

WW: Welche Chancen siehst du?

LW: Die größten Chancen sehe ich für den Leser bzw. den Kunden und für die Autoren. Endlich müssen sich alle Akteure auf dem Markt sehr intensiv Gedanken darüber machen, wie sie deren Bedürfnissen gerecht werden können. Denn die Leser und Autoren sind heute mächtiger denn je. Chancen sehe ich aber auch bei den etablierten Unternehmen, wenn sie auf den Kern dessen setzen, was ihr Geschäft ausmacht. Leider scheint es derzeit so zu sein, dass viele Verlage das Lesen an sich und die Pflege der Autoren-Beziehungen mithilfe von passgenauen Dienstleistungen nicht so würdigen, wie das beispielsweise Amazon immer erfolgreicher tut. – Eigentlich hat die Buchbranche ja gute Voraussetzungen, weil sie traditionell „spartenübergreifend“ eine Kultur der Kooperation pflegt, die gerade in Zeiten des Wandels sehr wertvoll ist.

WW: Welche Gefahren siehst du?

LW: Gefahren sehe ich in der noch immer bei vielen Buchleuten vorhandenen Technik-Scheu. Da werden oft Gegensätze zwischen einer Inhalte-Welt und einer Technik-Welt konstruiert, die es so gar nicht geben müsste. Ich finde, man muss sich gerade auf die neuen Entwicklungen stürzen, um das zu bewahren, was einem kulturell wichtig ist. Weiterhin sehe ich die Gefahr, dass sich die Branche durch ihre schlechte Außendarstellung schwer tut, die (Nachwuchs-)Mitarbeiter zu gewinnen, die für eine erfolgreiche Gestaltung des Wandels notwendig sind. Traditionell werden für die Buchbranche keine ITler ausgebildet, die es heute aber braucht. Diese Leute haben aber wenig Lust, in eine Branche zu gehen, die weithin als rückständig und technikfeindlich gilt. Das Außenbild entspricht zwar oft nicht der Realität, aber wenn das niemand weiß, hat man dennoch ein Problem. Ein Mehr an Dialog und Transparenz wäre in jedem Falle hilfreich.

WW: Welches Projekt willst du 2013 unbedingt realisieren?

LW: In Zeiten des Wandels kommt es auf Kooperation und Erfahrungsaustausch an, weil niemand die funktionierende Glaskugel im Keller hat. Den Erfahrungsaustausch will auf meinem Tätigkeitsfeld des Marketing im Social Web auch 2013 dadurch befördern, indem ich den „Virenschleuder-Preis“ weiter ausbaue. Dieser dient der Sichtbarmachung erfolgreicher Marketing-Maßnahmen, indem jede Nominierung auf www.virenschleuderpreis.de veröffentlicht wird. Auf diese Weise entsteht ein Best-Practice-Verzeichnis für die Buchbranche, das jeder frei nutzen kann. Der Virenschleuder-Preis lief in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse auch 2012 wieder sehr erfolgreich und ich plane schon einige spannende Neuerungen.

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Über Leander Wattig:

Leander Wattig ist Blogger. Er unterstützt zudem seit 2007 Medienunternehmen und Kreativschaffende als freier Berater, hält Vorträge, ist seit 2012 Lehrbeauftragter der Universität St.Gallen und engagiert sich seit 2010 als Vorstandsmitglied der Theodor Fontane Gesellschaft.

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