Wohin dreht sich die Buchwelt 2013, Susanne Gerdom?


Gutenbergs Erben schreiten nicht geordnet, sondern taumeln geradezu ins digitale Zeitalter – auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war allenthalben von ‚Krise‘ und ‚Ratlosigkeit‘ angesichts von Themen wie Urheberrechtsreform oder eBooks die Rede. Der Ausblick aufs kommende Jahr ist für die Branche ungewiss. Wird das gedruckte Papier (ja gar die Verlagswelt selbst) weiterbestehen oder durch neue Medien und neue Player ersetzt, werden gestandene Bestsellerautoren von unbedarften No-Names auf dem digitalen Marktplatz verdrängt? Was sind die Inhalte von morgen? Die Auguren des Feuilletons und des Börsenvereins finden im Kaffeesatz keine Antworten mehr auf diese Frage. Jetzt sollen die Macher selbst (Autoren, Verleger, Medienprofis, Herausgeber) hier auf Wortwellen zumindest ihrem (professionellen) Bauchgefühl Ausdruck verleihen und einen Blick in die Zukunft riskieren …

Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen
Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen

 

Heute: Susanne Gerdom, Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.

Susanne Gerdom - Autorin Phantastischer Romane
Susanne Gerdom – Autorin Phantastischer Romane

WW: Welche persönliche Veränderung erwartest du beruflich von 2013?

SG: Keine großen, nur die sich schon seit längerem anbahnende Verschiebung meiner Schwerpunkte. Ich werde wahrscheinlich im Printbereich/Publikumsverlag nur noch Jugendbuch machen, das läuft sehr anständig und macht mir großes Vergnügen.

Dafür werde ich mich verstärkt als Indie-Autorin um meine „erwachsenen“ Themen kümmern. Meine Vorstellungen sind zu speziell, die bringe ich im Printverlagswesen nicht unter – also setze ich die ab jetzt auf eigene Gefahr um. (Ein Titel ist so schon bei Amazons KDP und Create Space erschienen: Projekt Armageddon.)

Außerdem wird mein „Pseudonymdschungel“ mit der Machete entkernt: Künftig nur noch Susanne Gerdom, keine Frances G. Hill mehr (und das „Wegwerfpseudonym“ Julian Frost war ja eh nicht als Dauereinrichtung gedacht.)

WW: Worauf muss sich der Leser einstellen?

SG: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, allen Unkenrufen zum Trotz wird das E-Book jetzt so richtig durchstarten. Alle möglichen Plattformen und Hersteller drücken ihre Reader zum Teil zum Selbstkostenpreis in den Markt – das hat Konsequenzen. Was den Leser betrifft: Es wird zunehmend schwieriger, aus all dem publizierten Schrott die Perlen zu fischen. Ich denke, man wird sich zunehmend auf seine „Peergruppen“ verlassen, was Lesestoff und Empfehlungen angeht: Internetforen, Buchblogs, Literaturportale, Facebookfreunde. Und auf solche schätzenswerten Initiativen wie Xtme http://www.xtme.de/) – Johannes zum Winkel und seine Kollegin machen da einen feinen Job im Sichten der Gratisangebote von Amazon.

Inhaltlich … ich schreibe ja Fantasy. Möglicherweise wird noch mal ein kleiner High-Fantasy-Boom passieren, wenn der Hobbit in die Kinos kommt, aber ich glaube nicht, dass das so stark abgehen wird wie damals beim LoTR. In diesem Genre ist in den letzten Jahren eine extreme Zersplitterung in Unter-Unter-Untergenres passiert, das dürfte jetzt den Gipfelpunkt erreicht haben. Es wird vermutet, dass die Genreschubladen jetzt allesamt zusammengekippt werden und der Genremix die nächste Saison bestimmt. Ich finde das toll, ich hab mit Genremix mein Bücherleben als Autorin begonnen und stehe nach wie vor drauf. 🙂

WW: Welche Chancen siehst du?

SG: Eine größere Vielfalt? Schwer zu sagen. Im Moment ist es wohl eher eine größere Unübersichtlichkeit. Aber ich habe die Hoffnung, dass künftig auch Nischenthemen mit einem Nischenpublikum ihre große Chance haben. Abgekoppelt vom Publikumsverlag, der ja zwangsläufig auf Masse gehen muss, könnten jetzt auch so feine, kleine, handverlesene Themengebiete wie Steamfantasy, Crossover usw. ihre Chance bekommen. Das wäre für beide Seiten, LeserInnen wie AutorInnen eine großartige Sache.

WW: Welche Gefahren siehst du?

Ich habe keine Angst vor dem „Verlags- und Buchhandlungssterben“. Das ist Quatsch. Es wird immer Buchhandlungen geben – wahrscheinlich ist dies jetzt sogar die große Zeit der kleinen, gut sortierten, spezialisierten Stadtteilbuchhandlungen. Die Ketten haben es schwer, aber das sind sie selbst schuld. Wer hauptsächlich Nonbook verkauft und die Bücher ins hinterste Eckchen verbannt, muss sich nicht wundern, wenn die Kunden dann gleich bei Amazon kaufen.

Und auch Verlage, die vernünftig arbeiten, werden weiter dringend gebraucht und werden auch weiter ihre Arbeit tun. Das heißt: Verlage, die AutorInnen aufbauen, nicht verheizen. Die ihre Titel pflegen und nicht per Masse auf den Markt kippen und dabei auf den großen Hype hoffen.

Die Gefahr, dass jetzt jeder, der ungefähr weiß, wie das Alphabet geht – na gut, bis M halbwegs flüssig, danach muss man ein bisschen überlegen – seine Elaborate per E-Book mit selbstgemaltem Cover auf den Markt schmeißt und darauf hofft, der nächste E-Book-Millionär zu werden. Aber das kann man nicht verhindern, das wird sich aber, denke ich, in den nächsten Jahren auch rausmendeln … spätestens wenn all die AutorenlaiendarstellerInnen bemerken, dass sich der Kram komischerweise gar nicht verkauft. Da bin ich einigermaßen zuversichtlich. Es wird sich möglicherweise langfristig eine qualitativ anständige Indie-Autorenszene entwickeln … vielleicht müsste man da auch  mal was in die Wege leiten. 🙂

WW: Welches Projekt willst du 2013 unbedingt realisieren?

SG: Oh. LOL. „Wollen“ ist gut. Ich hab drei Projekte vertraglich am Start, die müssen. Wenn dann noch Zeit bleibt, was ich hoffe, wenn ich gut arbeite, dann möchte ich gerne ein Steamfantasy-Projekt, das ich mit einer Freundin zusammen am Start habe, weiter vorantreiben. Es hat nach einem guten Anfang ein bisschen die Zeit gemangelt, es stringent weiterzuschreiben, es beißt mich allerdings sehr! (Aber Geldverdienen geht leider vor …) Wer mal einen Blick auf die Baustelle werfen möchte: http://www.clockworkcologne.de

————————————

Über Susanne Gerdom:

Susanne Gerdom ist in Düsseldorf geboren, arbeitete als Schauspielerin und Regisseurin. Sie ist Gründungsmitglied bei den „42erAutoren – Verein zur Förderung der Literatur e.V.“ und seit 2000 freiberufliche Autorin.