Wohin dreht sich die Buchwelt 2013, Karsten Kruschel?


Gutenbergs Erben schreiten nicht geordnet, sondern taumeln geradezu ins digitale Zeitalter – auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war allenthalben von ‚Krise‘ und ‚Ratlosigkeit‘ angesichts von Themen wie Urheberrechtsreform oder eBooks die Rede. Der Ausblick aufs kommende Jahr ist für die Branche ungewiss. Wird das gedruckte Papier (ja gar die Verlagswelt selbst) weiterbestehen oder durch neue Medien und neue Player ersetzt, werden gestandene Bestsellerautoren von unbedarften No-Names auf dem digitalen Marktplatz verdrängt? Was sind die Inhalte von morgen? Die Auguren des Feuilletons und des Börsenvereins finden im Kaffeesatz keine Antworten mehr auf diese Frage. Jetzt sollen die Macher selbst (Autoren, Verleger, Medienprofis, Herausgeber) hier auf Wortwellen zumindest ihrem (professionellen) Bauchgefühl Ausdruck verleihen und einen Blick in die Zukunft riskieren …

Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen
Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen

 

Heute: Karsten Kruschel, Autor Phantastischer Literatur

 

Karsten Kruschel  (c) Thomas Schreiter
Karsten Kruschel (c) Thomas Schreiter

WW: Welche persönliche Veränderung erwartest du 2013?

KK: Glücklicherweise nichts Dramatisches. Außer, es kommt jemand daher und kauft für viel Geld die Filmrechte an einem meiner Bücher. Seufz! und weiterträum…
Immerhin sehe ich gute Chancen, dass die Hörbuch-Versionen der „Vilm“-Romane 2013 endlich herauskommen. Und wenn ich endlich mit der Qualität der Aufnahmen zufrieden bin, möchte ich auch damit anfangen, selbst Lesungen als mp3-Downloads anzubieten. Vielleicht auch als Lesungs-Video. Ich denke da an “Teufels Obliegenheiten”, eine Alternativweltgeschichte (aus Nova 20), die mindestens einen mehrfach vorkommenden Zungenbrecher enthält.

WW: Worauf müssen sich Autoren im kommenden Jahr einstellen?

KK: Auf eine wachsende Vielfalt von Formaten: Dem gedruckten Buch werden nicht nur eBook und Hörbuch an die Seite gestellt. Es gibt tatsächlich Leute, die Bücher auf dem iPhone und anderen fürs Bücherlesen völlig ungeeigneten Geräten haben möchten. Für iPad und andere Tablets wird es Literatur-Apps geben, bei denen man nur das Recht kauft, den Text zu lesen, nicht aber, ihn zu speichern. Sich selbst vernichtende Wegwerfliteratur, sozusagen. Andere Apps werden es ermöglichen, nach den ersten (kostenlosen) Kapiteln das Buch Kapitel für Kapitel zu kaufen – wer’s langweilig findet, kann aufhören und muss den Rest nicht bezahlen. Auch sind eBooks denkbar, die die Autorenlesung gleich mit enthalten, so dass der Leser jederzeit zwischen Lesen und Zuhören umschalten kann. Wenn das iPaper kommt (2013? ich weiß es nicht), wird der Markt nochmals neu aufgerollt, denn die werden wieder andere Formate benutzen.

WW: Welche Chancen siehst du?

KK: Das eBook wird nach und nach (nicht unbedingt schon 2013) das Taschenbuch kannibalisieren, weil die Liebhaber gediegen gedruckter Bücher lieber für Hardcover und aufwendig gemachte Klappcover-Paperbacks mehr Geld ausgeben, während die klassische Taschenbuch-Kundschaft aus Preisgründen und weil es praktischer ist nach und nach zu eBook-Versionen abwandert. Das Taschenbuch wird an Bedeutung verlieren … und vielleicht wird im Hardcover die Buchillustration eine Wiederauferstehung erleben, einfach weil auch dort die Anbieter nach Möglichkeiten suchen, sich vom Markt abzuheben.

WW: Welche Gefahren siehst du?

KK: Der absehbare Niedergang des Taschenbuchs beraubt die Verlage nach und nach einer als bislang sicher geltenden Zweitverwertungs-Schiene. Deswegen steigt das Risiko, mit neuen, unbekannten Namen viel Geld zu verbrennen, und die Technik des Bestseller-Erzeugens wird weiter verfeinert: Die großen Publikumsverlage schlagen uns Hype auf Hype um die Ohren.
Mal sehen, was nach Zauberlehrlingsschwemme, Fantasyvölkerromanen, Kuschelvampirzeugs und neuerdings Zombiefleischsalat als nächstes kommt. Erinnert sich übrigens noch jemand an die Mittelalterromanflut der achtziger Jahre nach dem “Namen der Rose” …?

WW: Welches Projekt willst du 2013 unbedingt realisieren?

KK: Der neue Roman “Vilm. Das Dickicht” wird erscheinen, fertig ist er ja schon. Jetzt will ich noch einige Geschichten abschließen, die alle im selben Universum wie “Vilm” und “Galdäa” handeln, zeitlich jedoch einen großen Bogen spannen: Von der nahen Zukunft bis in eine sehr, sehr ferne. Das Buch soll neun Erzählungen und Novellen enthalten (von denen sieben schon fertig sind) und noch 2013 erscheinen; aber man weiß ja nie. Arbeitstitel: “Zwischen Orange und Violet”.
Dann schreibe ich am nächsten Roman weiter; der soll “Sfazú” heißen. Gleiches Universum, andere Ecke, neue Überraschungen.

Vilm - Das Dickicht (c) Wurdack-Verlag
Vilm – Das Dickicht (c) Wurdack-Verlag

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Über Karsten Kruschel:

Karsten Kruschel wurde 1959 in Havelberg geboren und ist Verfasser von Science Fiction Romanen. Er wurde 2010 und 2012 mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet.

 

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