Wohin dreht sich die Buchwelt 2013, Stefan Holzhauer?


Gutenbergs Erben schreiten nicht geordnet, sondern taumeln geradezu ins digitale Zeitalter – auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war allenthalben von ‚Krise‘ und ‚Ratlosigkeit‘ angesichts von Themen wie Urheberrechtsreform oder eBooks die Rede. Der Ausblick aufs kommende Jahr ist für die Branche ungewiss. Wird das gedruckte Papier (ja gar die Verlagswelt selbst) weiterbestehen oder durch neue Medien und neue Player ersetzt, werden gestandene Bestsellerautoren von unbedarften No-Names auf dem digitalen Marktplatz verdrängt? Was sind die Inhalte von morgen? Die Auguren des Feuilletons und des Börsenvereins finden im Kaffeesatz keine Antworten mehr auf diese Frage. Jetzt sollen die Macher selbst (Autoren, Verleger, Medienprofis, Herausgeber) hier auf Wortwellen zumindest ihrem (professionellen) Bauchgefühl Ausdruck verleihen und einen Blick in die Zukunft riskieren …

Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen
Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen

 

Heute: Stefan Holzhauer, Digital Native und Herausgeber des Phantastischen Webmagazins PhantaNews

Stefan Holzhauer - Herausgeber des Magazins PhantaNews
Stefan Holzhauer – Herausgeber des Magazins PhantaNews

 

WW: Welche persönlichen Veränderung erwartest 2013?

SH: Außer dass ich älter werde? 🙂 Noch mehr digitales Lesen. Ich hoffe nach wie vor darauf, dass endlich mal jemand einen ungefähr DIN-A-4 großen eReader mit eInk oder ähnlichem Display rausbringt, mit dem man dann endlich auch ordentlich Zeitschriften und Zeitungen und vor allem technische Dokus lesen kann, ohne haufenweise völlig überflüssiges Altpapier zu erzeugen. Der Preis muss natürlich stimmen.

WW: Worauf müssen sich Verlage und Herausgeber einstellen?

SH: Ich möchte vorab darauf hinweisen, dass ich die großen Publikumsverlage meine, wenn ich „die Verlage“ sage. Die Kleinen sind oft deutlich agiler und haben viel bereits umgesetzt. Außerdem habe ich natürlich durch phantanews.de einen gewissen Fokus auf den Phantastik-Bereich. Wer pointierte Übertreibungen findet, darf sie sich rot anstreichen.

Worauf die Verlage sich einstellen müssen? Auf das weitere Wachsen des eBook-Marktes. Darauf, dass der Weg zum Leser keine Einbahnstraße mehr ist. Früher haben die Verlage dem Leser nach der Methode „friss oder stirb“ etwas vorgeworfen. Heute gibt es haufenweise direktes Feedback zu verlegten Büchern und das nicht nur im Feuilleton, sondern allenthalben. Nur wird das leider allzu oft noch nicht wahrgenommen, oder nur auf einer Plattform wie Lovelybooks, deren Bedienung offenbar von Ergonomie-Sadisten entworfen wurde. Die Entscheider in den Verlagen haben schon mal was von diesem ominösen „Social Media“ gehört und beauftragen dann die neue Praktikantin damit, „da mal was zu machen“. Da werden dann halbgare Pressemeldungen zweitverwertet. Das ist aber der falsche Weg, auch die sozialen Medien sind Zweiwege-Kommunikation, da kann man dem Kunden nicht einfach Textschnipsel vorwerfen, sondern muss auf dessen Fragen und Anmerkungen auch reagieren. Sicher darf man diesen ganzen Social Media-Kram nicht überbewerten. Aber man darf ihn auch nicht nur halbherzig nebenher durchziehen, wie das leider zu viele machen.

Und man darf nicht leise weinend auf den nächsten onimösen „Trend“ warten, wie es von der Buchmesse zu vernehmen war. Meine Güte, es kommt nicht alle Nase lang ein Potter oder ein Twilight des Weges, an die man sich nur hängen muss. Die Verlage sollten nicht auf Trend warten, sondern selbst welche starten, früher konnten sie das mal. Stattdessen warten sie auf die nächste ganz große Nummer, um sich dann daran zu hängen und in deren Bugwelle abzusahnen. Das ist armselig!

Zudem müssen die Verlage einsehen, dass sie die Exklusivität des Veröffentlichens verlieren. Heutzutage kann jeder etwas veröffentlichen, seit Amazons KDP und CreateSpace sogar sehr einfach, im Web sowieso. Im Moment wird noch damit argumentiert, dass Selfpublisher angeblich keine Qualität liefern. Das mag in vielen Fällen so sein, aber es gibt auch haufenweise Beispiele bei denen die Qualität stimmt (dasselbe Argument gab es vor Jahren auch seitens der Zeitungsverlage gegenüber Bloggern, man redete von den „Klowänden des Internet“. Heutzutage haben die seltsamerweise alle selber Blogs). Diese Arroganz der Verlage hat was von Dinosauriern, die sich über diese niedlichen, neuen, zu ihren Füßen wimmelnden, Säugetiere amüsieren, während hinter ihnen der Komet nieder geht …

In den Bereichen Computerspiele (oder Open Source-Software) und Musik funktioniert Independent über das Netz seit vielen Jahren großartig – es gibt keinen Grund, warum das ausgerechnet beim Buch anders sein sollte. Es wird eine massive Indie-Konkurrenz erwachsen – und wenn die Branche hier nicht endlich aufwacht und sich von ihrem jahrelang immer höher gebauten Elfenbeinturm herunter bewegt, dann machen allein Amazon und Kobo das Geschäft. Ich prophezeihe an dieser Stelle mal, dass es bis zum ersten Selfpublishing-Bestseller aus deutschen Landen nicht mehr lange dauern wird.

Die Verlage werden ihre Preispolitik in Sachen eBooks deutlich überdenken müssen. Auf den Tablets und Smartphones stehen sie im Bereich Unterhaltung (und das sind auch Bücher letztlich auch) in direkter Konkurrenz zu hochgradig beliebten Apps, die sich millionenfach verkaufen und gerade mal 79 Cent kosten. Da kann man nicht für eBooks Mondpreise nehmen, die sich am Hardcover orientieren. Tut man es doch, wird eben die App gekauft, statt des Buches.

Die Buchpreisbindung auf eBooks wird auf Dauer nicht zu halten sein. Es würde beispielsweise schon reichen, eine kleine Musikdatei ins eBook einzubinden, damit das eBook nicht mehr als Buch gilt und nicht mehr der Preisbindung unterliegt. Darauf oder etwas ähnliches wird irgendein findiger Kopf abseits der Verlagsökotope schnell kommen und das dann entsprechend umsetzen. Erfolg: nicht preisgebundene eBooks. Ach ja: die Art und Weise, wie versucht wird, auch Selfpublisher diesem Dinosaurier-Gesetz zu unterwerfen, ist meiner Ansicht nach angesichts der Internet-Realitäten nur noch absurd zu nennen.

Die Verlage und die gesamte Branche müssen endlich mal in der Gegenwart ankommen, statt nur so zu tun. Wenn ich sehe, wie sich da gerade in lächerlicher Weise darüber echauffiert wird, dass der Barsortimenter Libri es doch tatsächlich gewagt hat, ins Endkundengeschäft einzusteigen, dann ist das an Albernheit kaum zu überbieten. Statt agil zu reagieren wird darüber gewimmert, dass sich Jahrzehnte (Jahrhunderte?) lang gewachsene, längst überflüssige Strukturen nicht mehr halten lassen. Vor allem jammert man auch darüber, dass ebook.de eReader preiswerter anbietet als der Buchhandel. Nein? Wirklich?! Unfassbar! Willkommen in der Realität eines nicht preisgebundenen Marktes. Tja, notwendige Preisanpassungen und den Preiskampf der restlichen Wirtschaft kennen die im Buchhandel dank Gewöhnung an die Buchpreisbindung halt nicht so gut (höchstens auf Duftkerzen – und: nein, ich halte einen völlig freien, unregulierten Markt für schlecht. Noch schlechter sind aber Preiskartelle) …

Wenn ich heute in eine Buchhandlung gehe, ein Buch sehe, das ich lesen möchte und dann an der Theke nach dem eBook dazu frage, dann werde ich angesehen wie ein ertappter Exhibitionist. Die müssten sofort einen Bon-Ausdruck mit einem Keycode herbeizaubern, mittels dem ich das eBook umgehend bekommen und auf mein Smartphone laden kann, um es zu hause auf den eReader zu übertragen. Aber so etwas geht dank DRM nicht ohne weiteres und die einzigen, die mit ihren eBookCards etwas Ähnliches versuchen, sind Epidu – also wieder mal ein Kleiner der Branche. Nein, stattdessen wird in der Buchhandlung zwar versucht, mir einen maßlos überteuerten eReader anzudrehen, wenn ich gleich aber ein eBook dazu möchte, schauen sie mich nur verständnislos an. Wenn der Buchhandel hier nicht schnell eine Lösung findet, sehe ich angesichts wachsender eBook-Absätze schwarz. Auch hier ist der einschlagende Komet schon am Himmel deutlich zu sehen.

Ich könnte mich stundenlang über die konservative Branche und ihr dinosaurierhaftes Agieren echauffieren (mir sind unter dem Siegel der Verschwiegenheit von Insidern unfassbare Dinge erzählt worden, die würde man ins Reich der Fabel verweisen wollen, leider sind sie wahr). Könnte … ich tue es nicht, ich schüttle nur den Kopf.

Die Steampunk-Chroniken: Aethergarn
Die Steampunk-Chroniken: Aethergarn

WW: Welche Chancen siehst du?

SH: Ich sehe die Chance für eine neue Vielfalt des Lesens durch immer mehr Veröffentlichungen abseits der ausgetretenen Verlagswege und der steril lektorierten Massenbücher. Und ich sehe die Möglichkeit, dass durch die Lesegeräte vielleicht grundsätzlich mehr Personen lesen, auch solche, die das vorher nicht taten. Ich sehe durch die vergleichsweise einfach und preiswert herzustellenden und zu vertreibenden eBooks große Chancen für Nischen- und Special-Interest-Produkte. Das eBook könnte auch eine Art Heftroman des 21. Jahrhunderts werden.

WW: Welche Gefahren siehst du?

SH: Die große Gefahr ist, dass genug Lobbyarbeit betrieben wird, um die ebenfalls fossilen und längst nicht mehr zeitgemäßen Urheberrechtsgesetze zu Ungunsten des Bürgers zu verschärfen, statt sie an die Realitäten anzupassen. Ich bin sprachlos vor Staunen darüber, wie die Buchbranche alle Fehler der Musikindustrie wiederholen möchte. Haben die denn gar nichts gelernt? Oder sind sie merkbefreit? Man könnte auch sagen: evolutionsresistent? Da wird mit frei erfundenen Zahlen über irgendwelche illegalen Downloads agiert (in die die Zahlen legal frei herunterladbarer eBooks einfach mal so unkommentiert mit einfließen) um schreien zu können „Hilfe! Raubmordkopierterroristen!“ und Gesetzesverschärfungen zu fordern. Zugunsten der Verwerter, wohlgemerkt, nicht zugunsten der Urheber, die nach wie vor mit Peanuts abgespeist werden sollen. Das Schlimme daran ist, dass es viel zuviele ahnungs- oder skrupellose Politiker gibt, die dann wie gewünscht regieren. Zum Kotzen.

WW: Welches Projekt willst du 2013 unbedingt realisieren?

Mindestens einen weiteren Band der Steampunk-Chroniken. Das ist alles im Moment dank meiner beruflichen Arbeitsauslastung leider nicht so ganz einfach. Ich habe noch ein anderes Projekt vor Augen, aber das ist noch nicht spruchreif, deswegen: einfach mal abwarten … 🙂

http://phantanews.de

http://steampunk-chroniken.de

http://imagcon.de


Steampunk-Chroniken 1.5
Steampunk-Chroniken 1.5

 

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Über Stefan Holzhauer:

Stefan Holzhauer wurde 1965 in Wuppertal geboren und ist freiberuflicher IT-Berater, Webentwickler und Webdesigner. Digital Native. eBook-Fan. Nerd. In seiner Freizeit betreibt er das Phantastik-Portal PhantaNews.de und veröffentlicht neuerdings unter steampunk-chroniken.de Steampunk-eBooks unter Creative Commons-Lizenz und -Bücher.

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