Wohin dreht sich die Buchwelt 2013, Otto la Ber?


Gutenbergs Erben schreiten nicht geordnet, sondern taumeln geradezu ins digitale Zeitalter – auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war allenthalben von ‚Krise‘ und ‚Ratlosigkeit‘ angesichts von Themen wie Urheberrechtsreform oder eBooks die Rede. Der Ausblick aufs kommende Jahr ist für die Branche ungewiss. Wird das gedruckte Papier (ja gar die Verlagswelt selbst) weiterbestehen oder durch neue Medien und neue Player ersetzt, werden gestandene Bestsellerautoren von unbedarften No-Names auf dem digitalen Marktplatz verdrängt? Was sind die Inhalte von morgen? Die Auguren des Feuilletons und des Börsenvereins finden im Kaffeesatz keine Antworten mehr auf diese Frage. Jetzt sollen die Macher selbst (Autoren, Verleger, Medienprofis, Herausgeber) hier auf Wortwellen zumindest ihrem (professionellen) Bauchgefühl Ausdruck verleihen und einen Blick in die Zukunft riskieren …

Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen
Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen

 

Heute: Otta la Ber, Literaturagent der Zulu-Agency.com

Die etwas andere Literaturagentur: Zulu-Agency
Die etwas andere Literaturagentur: Zulu-Agency

WW: Welche persönlichen Veränderung erwartest du 2013 als Literaturagent?

OLB: Zunächst ein Dankeschön für die spannende Interview-Reihe! Das kommende Jahr wird nicht nur für unsere sehr junge Agentur äußerst interessant. Derzeit vertreten wir drei mitreißende Autoren. Alle drei Autoren befinden sich auf verschiedenen Entwicklungsstufen ihrer schriftstellerischen Laufbahn. Eine großartige Herausforderung.Ich denke, dass sich 2013 so einiges ändern wird. Etwa werden viele Autorendienstleister, wie eben Agenturen oder Publishingplattformen, zur Erkenntnis gelangen, dass es nicht ausreicht einfach nur ein Manuskript von Autor A an Verlag B oder Plattform C weiterzureichen. Fast jeder Kindle-Besitzer publiziert heute bereits selbst, die Unterscheidungsmerkmale werden
zunehmend kleiner. Umso wichtiger für den Verkauf werden Qualität und handwerkliches Können. Während aber die persönliche Verlagsbetreuung der Autoren durch Ökonominierung abnimmt, steigt gleichzeitig die Zahl der Jungautoren, die genau diese professionelle Verlagsbetreuung bräuchten, ungewöhnlich stark an.Ich denke ein Literaturagent muss deshalb in Zukunft noch näher an die Autoren heranrücken.
Er wird frühere zentrale Verlegeraufgaben übernehmen müssen, aber auch verstärkt quasi als Online-Buchhändler für seine Autoren tätig sein. Denn warum sollte der Autor gemeinsam mit dem Verlag nicht auch selbst seine Ebooks und Bücher im Internet verkaufen? Ich denke, der Buchmarkt-Trend im nächsten Jahr heißt: „Liquidität in allen Bereichen“.

WW: Worauf müssen sich die Verlage und Leser einstellen?
OLB: Auf die Amazonisierung der Buchbranche. Und damit meine ich nicht, dass Amazon unbegrenzt weiter wachsen wird. Ich meine damit, dass der Buchhandel (also das unbedingt notwendige Bindeglied zwischen Verlag und Leser) schweißgebadet erkennen wird, dass sie Amazons Geschäftsmodell kopieren müssen, anstatt es zu ächten – das heißt, wenn sie überhaupt überleben wollen. Derzeit schmerzen die Umsatzeinbrüche im Buchhandel noch nicht genug. 2013 wird es aber weh tun. Amazon vereint Online-Handel, eigenen Verlag und last but not least etwa 50 Prozent aller Ebook-Leser auf sich, also lauter boomende Sektoren, die sich auch noch wunderbar „liquide“ verschränken. Sie erreichen dies durch ein eigenes Ökosystem und einen „Long Tail“, der unbedingt auf die neuen Bedürfnisse der Leser eingeht und diese nicht für ihre Internetaffinität verspottet (wenn ich das mal so grob sagen darf). Verlage und Leser werden dadurch nur profitieren. Die Verlage einerseits, weil sie an jedem verkauften Buch mitschneiden, egal auf welchem Vertriebsweg. Aber auch weil deren Autoren via Social Networks direkten Kontakt zu ihren Fans halten. Andererseits profitieren die Leser, weil jeder ihre unbedingte Aufmerksamkeit will.

WW: Welche Chancen siehst du?
OLB: Einerseits sehe ich großes Potential für Dienstleister, die sich um Jungautoren kümmern. Um das Script-Coaching, Dramaturgisches, usw. eben um das schreiberische Handwerk. Langsam aber sicher setzt sich auch bei uns die Erkenntnis durch, dass man gutes Schreiben auch lernen kann – nicht das geniale Schreiben, aber wer ist schon genial? Andererseits sehe ich derzeit weiterhin im Online-Buch- oder Verlagshandel große Potentiale in der Spezialisierung auf bestimmte Genres. Wer früher ein Buch suchte, war auf Besprechungen in den klassischen Medien oder auf den Buchhändler ums Eck angewiesen. Heute googelt man zusätzlich. Mit gutem Online-Marketing (ich hasse dieses Wort, sorry) lässt sich sehr ökonomisch und zielgerichtet eine große, flächendeckende Öffentlichkeit erreichen. Hinzu kommt, denke ich, dass die traditionellen, aber auch neue und junge Verlage, dann ihr Glück am Ebookmarkt finden werden, wenn sie begreifen, dass Ebooks und gedruckte Bücher erstens keinen Gegensatz darstellen dürfen, und zweitens der Preisunterschied mindestens brutto 50 Prozent ausmachen muss. Dann wird auch bei uns der Ebookmarkt boomen – wie in den USA.

WW: Welche Gefahren siehst du?
OLB: in Zitat aus dem Facebook-Auftritts des Boersenblatts, 15.11.2012: „[…] Um gegen Amazon bestehen zu können, braucht der Buchhandel eine ‚gemeinsame Metadatenbank‘, die aus VLB- und Barsortimentsdaten generiert wird. Das sagt Dieter Dausien, Inhaber des „Buchladen am Freiheitsplatz“ in Hanau. http://www.boersenblatt.net/563253/ […] “ Muss man mehr sagen? Amazon wird noch immer nicht als Teil der Buchbranche verstanden, noch nicht einmal deren erfolgreiches Geschäftsmodell. Hier wird es leider zu Grabenkämpfen kommen, die das Potential haben werden, denke ich, den gesamten Buchhandel umzukrempeln. Da wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Ich mache mir große Sorgen um den stationären, oft so unglaublich sturen Buchhandel.

WW: Welches Projekt willst du 2013 unbedingt realisieren?

OLB: Dort draußen gibt es eine junge Frau mit einem wunderbaren Manuskript für ein dreiteiliges Epos ala „Game of Thrones“, aber zu unserem Pech möchte sich diese Autorin um keinen Preis an irgendeine Agentur binden. Nicht einmal an uns! 😉 Unser Werben blieb bisher ohne Erfolg, aber vielleicht …
Das zweite große Projekt heißt: Investorensuche für unsere Agentur. Bislang fanden wir
unsere Autoren ausschließlich über deren Eigeninitiativen hin. Aber gefühlte hunderte, hochtalentierte Jungautoren warten darauf gefunden und gefördert zu werden. Dazu brauchen wir unbedingt zusätzliche Ressourcen. 2013 wir spannend!

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Über Otto la Ber, Zulu-Agency.com:
Otto la Ber wurde 1973 in Salzburg geboren. Er studierte Medienpädagogik und arbeitet
auch als Online-Berater für eine namhafte, österreichische Buchhandelskette. Er ist Mitglied
des Autorenforums montsegur.de.