Wohin dreht sich die Buchwelt 2013, Tom Orgel?


Gutenbergs Erben schreiten nicht geordnet, sondern taumeln geradezu ins digitale Zeitalter – auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war allenthalben von ‚Krise‘ und ‚Ratlosigkeit‘ angesichts von Themen wie Urheberrechtsreform oder eBooks die Rede. Der Ausblick aufs kommende Jahr ist für die Branche ungewiss. Wird das gedruckte Papier (ja gar die Verlagswelt selbst) weiterbestehen oder durch neue Medien und neue Player ersetzt, werden gestandene Bestsellerautoren von unbedarften No-Names auf dem digitalen Marktplatz verdrängt? Was sind die Inhalte von morgen? Die Auguren des Feuilletons und des Börsenvereins finden im Kaffeesatz keine Antworten mehr auf diese Frage. Jetzt sollen die Macher selbst (Autoren, Verleger, Medienprofis, Herausgeber) hier auf Wortwellen zumindest ihrem (professionellen) Bauchgefühl Ausdruck verleihen und einen Blick in die Zukunft riskieren …

Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen
Die neue Interview-Reihe auf Wortwellen

 

Heute: Tom Orgel, Ko-Autor von „Orks vs. Zwerge

Stephan und Tom Orgel
Stephan und Tom Orgel

WW: Welche persönliche Veränderung erwartest du 2013?

TO: Nur positive, natürlich. Unmengen von Geld, Ruhm, Literaturpreise und den einen oder anderen Auslandsvertrag. An übermütigen Tagen erwarte ich sogar ein oder zwei Angebote von großen Filmproduktionen. Man bekommt zwar nicht alles, was man sich so erwartet, aber irgendwo muss man ja anfangen. Realistisch gesehen hoffe ich, dass ich es mir weiterhin leisten kann, die Zeit für’s Schreiben zu erübrigen. Und idealerweise entwickelt sich der Teil meiner Arbeit, der mit Schreiben zu tun hat, in eine Richtung, die es wir erlaubt, ihm noch mehr Zeit einzuräumen. Aber wo ich so darüber nachdenke – wenn sich der andere Teil meiner Arbeit so positiv entwickelt, dass ich dem Schreiben mehr Zeit einräumen kann, ärgere ich mich auch nicht. 😉 Ich arbeite daran.

WW: Worauf müssen sich Leser und Verlage einstellen?

TO: Ich habe letztes Jahr geäußert, dass es vermutlich nur noch 10 Jahre dauern wird, bis die eBooks mit Hilfe der diversen Lesegeräte von eReader über Tablet-Computer bis Smartphones das klassische Taschenbuch fast komplett abgelöst haben werden.

Ich denke inzwischen, dass sich die Verlage und Herausgeber auf diesen Umschwung sogar noch deutlich früher reagieren müssen. Die eBook-Welle ist schon dieses Jahr höher gewesen, als ich es erwartet habe und dank der Technik-Offensiven von Amazon und Co wird sich diese Entwicklung sicherlich nicht verlangsamen. Die Verkaufszahlen des eBook-Sektors sind ein ziemlich gutes Indiz dafür. Die Leser finden Geschmack am neuen Lesen und sich als Verlage dagegen zu wehren oder auf den traditionellen Wegen und Medien zu beharren und die neuen zu verteufeln dürfte nicht sonderlich viel bringen. Ich prophezeie spätestens in fünf Jahren komfortable „to-go“-Download-Stationen für eBooks in den meisten Bahnhofsbuchhandlungen (rechne aber eigentlich schon im kommenden Jahr mit den ersten Sichtungen, da die benötigte Technik schon existiert). Buchhandlungen und Verlage müssen sich darauf einstellen oder werden es in absehbarer Zeit sehr, sehr schwer haben.

WW: Welche Chancen siehst du?

TO: Chancen sehe ich für neue Wege in der Literatur. Crossover-Formate bzw. Cross-Plattform-Ideen (Bücher mit integrierten Downloadcodes für das entsprechende eBook zum Beispiel, eventuell schon mit Berechtigungscode für das Audiobook, sobald es erscheint).

Das wird in den kommenden Jahren verstärkt Spezialisten auf den Markt bringen – Marketing-Agenturen, die das neue Bindeglied zwischen z.B. Autor, Lektor, Produzent (egal, ob Print oder digital), Grafik, Werbung und einer ganzen Reihe anderer Spezialisten sein werden. Was nicht heißt, dass der klassische Verlag damit verschwinden wird. Ich schätze, diese neuen Agenturen werden in einigen Jahren die neuen Verlage sein. Wobei sich die etablierten Verlage vermutlich einfach ein, zwei erfolgreiche Vertreter dieser Agenturen kaufen werden und so weiter im Geschäft bleiben.

Aber es wird auf diese Weise vermutlich für den Autoren möglich sein, den klassischen Verlagsvertrag grundlegend neu auszuhandeln. Denn das eine oder andere Prozent mehr ist gerade bei den neuen Medien dann vielleicht doch noch drin.

Aber auch über den simplen Transport von Print-Lesestoff auf digitale Medien hinaus sehe ich eine Menge Potential für neue Formen des Lesens, die sich schlicht daraus ergeben, dass das Lesen vom Medium Papier und den damit verbundenen formalen Einschränkungen losgelöst wird. Wir heben jetzt einen Stand der Technik erreicht, an dem ein Roman wie „253“ (Der U-Bahn-Roman von Geoff Ryman) endlich so funktioniert, wie er soll, wo „Live-Biografien“ wie „Ü30“ von Stephan Bellem tatsächlich möglich sind, oder Endlos-Graphic-Novels wie die wormworldsaga.

Das Lesen wird jedenfalls nicht aussterben – wenn möglich, wird sogar noch mehr gelesen als vorher. Und die gute Nachricht für Autoren: Egal wie das Format aussehen wird: Eine gute Geschichte wird nie zu ersetzen sein.

WW: Welche Gefahren siehst du?

TO: Eine „Gefahr“ für Leser und Autoren, bzw. ein großes Problem ist, dass viele gute Stoffe, die wirklich Beachtung wert wären, schlicht untergehen. Gegen die ganzen 50-Shades da draußen (und Unmengen gleichartiger oder noch weit mieserer handwerklicher Null-Qualität) anzukommen, wird ein hartes Stück Arbeit. Ja, der Markt und die Leser werden sich vermutlich selbst übersättigen und irgendwann wird sich dann auch Qualität wieder durchsetzen, aber es wird sicher noch mehr als das kommende Jahr brauchen, bis sich das in der self-publishing-Schwemme auf Amazon und Co. eingependelt hat.

Eine Gefahr auch für etablierte Verlage: Wenn sie es weiterhin nicht in den Griff bekommen, von den Käufern halbwegs akzeptierte Preise zu machen (Nein, ein eBook für 12 Euro zu verkaufen, wenn das gedruckte 15 kostet ist für den Käufer nicht akzeptabel) oder sich gegen aktuelle Entwicklungen auf dem Lesemarkt sträuben.

Kombiniert mit der weit verbreiteten Eigenart der Verlage in Deutschland, auf Trends aus dem Ausland zu warten, statt selbst welche aufzunehmen oder sogar zu kreieren, kann diese technische wie inhaltliche Entwicklungsfurcht tatsächlich eine selbsterfüllende Prophezeiung werden. Es wird Verlage geben, die an der neuen Technik zugrundegehen und daran, dass keine Trends kommen.

Die Lesewelt ist schnelllebiger, flexibler geworden und noch dazu hat sich die Gesamtmenge des Leseangebotes wesentlich stärker vergrößert, als die Gesamtmenge der Leser. Für jemanden (egal ob Autor oder Verlag), der auch nur mit einem der drei Punkte nicht umgehen kann, wird die Luft auch im kommenden Jahr merklich dünner werden.

WW: Welches Projekt willst du 2013 unbedingt realisieren?

TO: Das wichtigste Projekt ist, ein erfolgreiches und vor allem zufriedenes Jahr 2013 zu absolvieren. Ich denke, das wird mich so ziemlich das ganze Jahr beschäftigen.

Und dann möchte ich natürlich die Belegexemplare zum neuen T.S.-Orgel-Manuskript, das Stephan und ich gerade angefangen haben, in den Händen halten. Wenn 2013 noch Zeit bleibt, die Tinte unter einem 3. Romanvertrag trocknen zu lassen, wäre das auch nett. Wenn alles gut läuft, bringen wir außerdem noch einen großen Schwung des Steamtown-Audiobooks und ein daran angegliedertes eBook-Projekt in die nächste Phase bringen. Ich denke, langweilig wird mir auf keinen Fall.

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Über Tom Orgel:

Tom Orgel wurde im März 1973 in Görlitz geboren. Nach dem Studium arbeitete er unter anderem als Dozent, Herausgeber und Redakteur. Heute lebt er im Spessart und schreibt gemeinsam mit seinem Bruder Stephan phantastische Geschichten und Romane, u. a. „Orks vs. Zwerge“.