Ju Honisch im Gespräch


Steampunk-Fans in Deutschland dürfte sie hinlänglich bekannt sein: Ju Honisch, Sängerin, Gitarristin und Autorin, hat bemerkenswerte Romane wie ‚Das Obsidianherz‘ (das Werk wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis in der Kategorie „Bestes deutschsprachiges Romandebüt“ ausgezeichnet), ‚Salzträume‘ und ‚Jenseits des Karussells‘ verfasst. 2012 schien es etwas stiller um sie geworden zu sein, aber das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. 2013 kehrt Ju Honisch gleich mit zwei Romanen zurück ins Rampenlicht.

Ju Honisch - Autorin phantastischer Romane
Ju Honisch – Autorin phantastischer Romane

WW: 2013 wird für dich aller Voraussicht nach ein richtig großes Jahr mit gleich zwei Publikationen; einmal erscheint „Die Quellen der Malicorn“ bei Heyne (dazu später mehr) und andererseits „Schwingen aus Stein“ bei Feder&Schwert. Dort hat es 2011 allerdings noch so ausgesehen, dass deine 19. Jahrhundert-Steampunk-Serie (bestehend aus „Obsidianherz“, „Salzträume“ und „Jenseits des Karussells“) ohne Abschluss bleiben würde, da der Verlag keine Printversion mehr veröffentlichen wollte, sondern nur ein eBook. Daraufhin hast du dich entschieden, es unpubliziert zu lassen. Was hat bei Feder&Schwert zum Sinneswandel geführt?

JH: Nun, dass sie es nicht wollten, war nie so wirklich der Fall. Sie wollten es schon – sie wollten es viel kürzer. Dicke Bücher sind teuer in der Produktion – wenn man sie auf Papier druckt. Naja, und meine Bücher sind nicht kurz.
Ich habe das Buch inzwischen sehr stark gekürzt. Und der Verlag will auch noch mal mit spitzer Feder und scharfem Schwert durch den Text gehen, vor allem mit Schwert. Ich hoffe, es bleibt noch was übrig.
2011 bin ich erfreulicherweise beim Deutschen Phantastik Preis nach Markus Heitz und Kai Meyer auf den dritten Platz gekommen. Das mag auch mit zu der Entscheidung beigetragen haben, nun doch eine Printversion zu machen.
Einen Abschluss hat die Serie eigentlich dann immer noch nicht. Man könnte sie beliebig mit weiteren Abenteuern anfüllen.

WW: Du schreibst nach eigenem Bekunden nicht mehr Vollzeit, sondern gehst einem Dayjob nach. Inwieweit verändert der Beruf die Art und Weise zu schreiben? Wie gelingt es, auf die notwenige Seitenzahl pro Tag zu kommen?

JH: Ich habe noch nie Vollzeit geschrieben. Das liegt nicht etwa daran, dass ich es nicht gerne täte. Es liegt einfach daran, dass ich davon bislang nicht leben konnte – oder kann. Vielleicht ändert sich das irgendwann? Das fände ich toll. Und durchaus erholsam.
Wenn einem zum Schreiben nur die Abende und die Wochenenden (einschließlich Freitag) zur Verfügung stehen, gibt es im Leben wenig außer Arbeit und – Arbeit. Ins Kino schaffe ich es fast nie. Urlaube sind zum Schreiben da. Und zum Recherchieren. (Der letzte war in Irland).
Ich weiß nicht, ob der Beruf meine Art und Weise zu schreiben beeinflusst. Wohl eher die mangelnde Zeit. Man muss dann schon relativ stringent bei der Sache bleiben, um das zu schaffen. Zu meinem Unglück schreibe ich ja nun auch keine besonders kurzen Werke.
Wie ich auf die notwendige Seitenzahl pro Tag komme, fasziniert mich selbst am meisten. Manchmal hänge ich nur müde herum. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich auf dem Schreibtischstuhl vor laufendem Rechner eingeschlafen bin. Aber es geht trotzdem. Ein Jahr hat 365 Tage. Wenn man an jedem Tag nur auch nur zwei Seiten schreibt, bekommt man in einem Jahr trotzdem einen schönen Wälzer fertig.
Mein Dayjob ist nicht inspirierend im kreativen Sinne. Aber er gibt schon auch ein „Gerüst“, an dem entlang man sein Leben einteilen kann. Außerdem finde ich es ganz schön, andere Menschen zu treffen. Die Schreiberei zu Hause ist schließlich eine sehr einsame Angelegenheit – ich und mein Rechner.

WW: Deine alte Agentin ist vor ein paar Jahren quasi „in den Ruhestand gegangen“ (macht nur noch Sachbücher und keine Belletristik mehr) und du musstest dir demzufolge einen neuen Agenten suchen. Wie sehr hast du vom Agenturwechsel profitiert?

JH: Meine alte Agentin war eine ganz tolle Frau, aber ich glaube, Phantastik war nicht so „ihr Ding“. Meine neue Agentur (AVA International) ist da schon sehr viel mehr am Ball. Ich bin sehr dankbar, dass ich dort gelandet bin, und mein Dank geht ganz besonders an Tom Plischke, Ole Christiansen und Markus Heitz die sich da für mich eingesetzt haben. Dass nächstes Jahr ein erstes Buch von mir bei einem großen Publikumsverlag rauskommt (HEYNE), habe ich meiner neuen Agentur zu verdanken.

Die Quellen der Malicorn
Die Quellen der Malicorn

WW: Mit „Die Quellen der Malicorn“ (September 2013) erscheint erstmals ein Buch von dir in einem großen Publikumsverlag. Was mir auffiel war, dass es sich um keinen Steampunk-Titel handelt. Ist das Dampf-Subgenre bei Publikumsverlagen ‚out’, oder war es eine rein künstlerische Entscheidung, diesmal ‚nur’ eine klassische Fantasy-Story zu erzählen?

JH: Das Thema war im Grunde nicht mal meine Idee. HEYNE wollte etwas zu einem bestimmten Thema und hat dieses Thema erfreulicherweise mir gegeben. Vielleicht wäre ich nicht von allein darauf gekommen, aber es hat Spaß gemacht, mal etwas „von außen“ als Anregung zu nehmen, zu erarbeiten und in einen neuen „Ju Honisch“ zu hämmern. Das Thema war nicht näher definiert, und ich war völlig frei darin, wie ich es angehen wollte. Ich denke, es wird wieder spannend, auch wenn es diesmal kein Steampunk ist. Es war eine tolle Erfahrung, etwas ganz anderes zu machen. Naja, nicht ganz anders – man nimmt sich selber schließlich immer mit -, aber doch ein bisschen anders.

WW: Du bist bekannt für deinen Anspruch qualitativ hochwertige Bücher zu schreiben – ist dieser literarische Anspruch im Mainstreamgeschäft nun Fluch oder Segen? Vielfach gelten die Erfolgreichsten der Branche nicht als große Stilisten.

JH: Wenn man zu komplex schreibt, ist das im Phantastik-Genre tatsächlich eher von Nachteil als von Vorteil – was die Verkäuflichkeit von Manuskripten angeht. Das liegt nicht an den Lesern. Das liegt eher an den Marketingabteilungen der Verlage, die tendenziell glauben, alle Phantastik-Fans wären „sowieso doof“ und würden schon bei einem Nebensatz oder einem Fremdwort das vielzitierte Handtuch werfen.
Vielleicht kenne ich ja die falsche Art von Phantastik-Fans, aber ich kenne tatsächlich nur solche, die intelligent, belesen, interessiert und begeisterungsfähig sind. Für die möchte ich schreiben. So gut es eben geht. Ob ich meinem Anspruch, qualitativ hochwertige Bücher zu schreiben, gerecht werde oder nicht, sei dahingestellt. Ich formuliere einfach gerne. Und als Leser freue ich mich über jeden Text, der nicht holpert. Dabei bin ich so gar kein Mainstream-Leser mehr. Ich habe viel hohe Literatur gelesen. Schließlich habe ich ja Literatur studiert. Aber meine letzten Ausflüge in die Welt der „Kritiker-Erfolge“ (also nicht ökonomische oder Publikums-Erfolge) haben mich unendlich gelangweilt. Been there, done that, bought the T-shirt. And now for something completely different.

WW: Derzeit starren die deutschen Verleger gebannt nach Übersee und fragen sich, was der nächste große Hype wird. Was ist dein Tipp?

JH: Hypes werden gemacht. Sie entstehen nicht von selbst. Es gibt eine Geschichte, zu deren Wahrheitsgehalt ich absolut nichts sagen kann, die aber unter den amerikanischen Phantastik-Autoren kursiert, über gewisse Bücher mit mormonischen Bildungsbürgervampiren. Es heißt da, das erste Buch wäre von einem sehr jungen Lektor ohne Erfahrung für entschieden zu viel Geld eingekauft worden. Der junge Mann befand sich dann in der prekären Lage, unbedingt einen Bestseller haben zu müssen oder seinen Job zu verlieren. Er setzte Himmel, Hölle, alle social media und alles, was er an Marketingbudget ergattern konnte, in Bewegung, und siehe, das Buch war schon in der ersten Woche nach dem Erscheinen ein Bestseller. Zu der Zeit hatte es noch keiner fertig gelesen. Ab da konnte man der Lawine zugucken. Diese Geschichte mag nichts als übler Tratsch sein – ich weiß es nicht. Aber grundsätzlich ist es eben so: Hypes werden gemacht. Sie kosten Geld, Mühe und Schweiß. Mein persönlicher Tipp für die Verlage wäre, nicht auf irgendeinen Hype aus Übersee zu warten, sondern sich selbst einen zu kreieren. Mit Himmel, Hölle, allen social media und allem, was man an Marketingbudget reinbuttern kann. Das wäre langfristig billiger als auf etwas zu warten, von dem man nicht weiß, ob es kommt, und in 90% der Fälle auf den falschen Gaul zu setzen. Tatsache ist aber, dass Verlage den allergrößten Teil ihres Marketingbudgets für die gut eingeführten Bestsellerautoren einsetzen, die gezielte Marketingmaßnahmen am wenigsten brauchen.

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