Was der Postbote im Januar brachte …


Was der Postbote im Januar brachte ...
Was der Postbote im Januar brachte …

Ich schreibe keine Rezensionen. Keine Zeit. Keine Lust. Aber ich habe jetzt einen kleinen Stapel Bücher vor mir liegen, über den ich dennoch gerne ein paar Worte verlieren möchte. Allein deswegen, weil es gute Bücher sind. Werke, die ich euch unter anderem auch deswegen ans Herz legen möchte, falls ihr euch fragt, ob das derzeitige Standardreportoire der Publikumsverlage (Teenager-Dystopien, Vampire, Engel, sprechende Wasserspeier) eigentlich alles ist, was auf dem phantastischen Markt produziert wird.

Die Antwort lautet übrigens: nein.

Ich hatte Glück. Ja wirklich. Denn wer im Januar – nach den ganzen Geschenkebergen zu Weihnachten – nochmals etwas Neues vom Postboten erhält, kann sich wirklich glücklich schätzen. 🙂 Meist ist so eine Postsendung dann der in der Regel bereits seit den Feiertagen herbeiersehnte Umtausch oder die Einlösung des fälligen Warengutscheins. Wie auch immer, das hier sind jedenfalls die Bücher, die jetzt von DHL und Hermes gebracht wurden – Bücher, für die ich eigentlich keine Zeit habe sie zu lesen, die aber gelesen werden müssen, weil ich sonst richtig unglücklich werde.

Links oben (ich beginne einfach mal hier und es soll keine Rankingliste darstellen) ist Miriam Pharos dritter Hanseapolis-Roman Präludium (und eigentlich kam der sogar mit einer anderen Postsendung, doch das ist gerade der aktuelle Roman, den ich lese und deswegen gehört er hier noch mit dazu). Ich habe nun Seite 100 erreicht und was soll ich sagen? Miriam Pharo schreibt sensationell, die Story ist von Anfang an megaspannend, kickt aber gerade (als ich mich an das hohe Tempo gewöhnt habe)  jetzt nochmals in den nächst höheren Gang. Wohin das führt? Keine Ahnung, aber ich werde es erlesen! Die Welt im Jahr 2066 ist bei Miriam Pharos Werken kein Kindergeburtstag, weder in Hanseapolis, Venezia a Cupola noch in Ramla City. In diesen dysfunktionalen Städten voller schlechter Luft, Nanotech und Gewalt, ermitteln das ungleiche Duo Kosloff und Marino in einem Mordfall, der zunächst recht normal zu verlaufen scheint, nun aber, auf ca. Seite 100, eine ganz neue Wendung und Dimension annimmt. Auch wenn Miriam Pharo aus dem gleichen Verlagshaus kommt wie ich und mancher mir an dieser Stelle jetzt Schleimscheißerei unter Kollegen vorwerfen wird, dieses Buch gehört zum Besten was die deutsche SF derzeit zu bieten kann. Ist so. Probiert es aus. Fazit: Ein supergeiler Crossoverroman zwischen SF und Krimi.  *****

Ares Express ist von Ian McDonald. Das sagt eigentlich alles. Wer Cyberabad gelesen hat (für mich der GEILSTE SF-Roman seit Dan Simmons Hyperion), ahnt vielleicht schon, was hier kommt. Doch hier geht es nicht (wie in Cyberabad) um Indien, sondern um den Mars und hier jagt ein fusionsbetriebener Zug durch die roten Wüsten des terrageformten vierten Planeten, während eine künstliche Superintelligenz die Realität milliardenfach pro Sekunde verändert. SF meets Fantasy, also irgendwo zwischen Ray Bradbury und Kim Stanley Robinson. Noch keine Wertung, da nicht gelesen. Aber wette schon mal auf ***** von *****. 🙂 Das Buch ist übrigens das englische Original. Eine deutsche Ausgabe gibt es nicht (zumindest konnte ich keine finden).

Yellow Blue Tibia von Adam Roberts. Der Mann war mir bislang vollkommen unbekannt. Aber die Story klingt irre: Stalin kommt 1946 zu der Ansicht, dass die USA (und der Kapitalismus) nicht auf Dauer eine Bedrohung für die Sowjetstaaten darstellen und engagiert deshalb mehrere Science Fiction Autoren, eine neue Bedrohung zu schaffen: eine Invasion Außerirdischer. Mitten im Schreibprozess wird die Aktion aus unbekannten Gründen abgebrochen und Autoren wie auch Werke verschwinden in der Versenkung. Erst 1986 taucht einer der Verfasser (Konstantin Andreiovich Skvorecky) auf und behauptet, dass der Atomunfall von Tschernobyl und die Challenger Katastrophe Teil jener Geschichte war, die er und die anderen Schriftsteller erfunden haben. Ich weiß ja nicht was Adam Roberts geraucht hat, aber ich möchte auch was davon haben. Tolle Story: *****

Neil Gaimans Niemalsland (hier gibt es erfreulicherweise tatsächlich eine deutsche Ausgabe von Heyne), ist das erste Werk des unglaublich erfolgreichen SF und Fantasy Autoren, das auf meinem Tisch landet, obwohl ich die Geschichte kurz zuvor in der Comicfassung gelesen habe (ganz megagenial umgesetzt von Glen Fabry und Mike Carey). Was für eine Geschichte! Gaiman ist einer wenigen phantastischen Schriftsteller, der, obwohl er von Anfang an im Mainstreambereich verkauft, keine nur durchschnittlichen Geschichten abliefert. Ganz im Gegenteil. Niemalsland beweist, dass Gaiman zu den Besten gehört! *****

Was bleibt ist ein Storyband von Kij Johnson. „At the Mouth of the River of Bees„. Diese bemerkenswerte Dame kommt aus Iowa (wo auch Capt. Kirk herkommt) und ist schon geradezu berüchtigt für ihre herausragenden Kurzgeschichten. Klar, dass sie so ziemlich alle Preise in den USA abgeräumt hat, die es da gibt. Meine Prognose: *****

Alle Bücher haben ***** Sterne? Was soll der Quatsch?

Na ja, ich habe versucht keine Kompromisse einzugehen. Nur das Beste vom Besten eben. Ich kann (außer bei Miriam) im Augenblick noch nicht einmal garantieren, dass ich bei meinen Prognosen Recht haben werde. Aber ich habe mich nur selten getäuscht. Folgt den Links, lest die Handlung durch. Vielleicht sprechen euch die Bücher auch an. 😉

Und das gab’s zu Weihnachten: Ted Chiang „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

Ted ist vielleicht der beste Kurzgeschichten-Autor der ganzen SF-Szene. Seine Geschichten sind unglaublich klug, phänomenal durchdacht und enttäuschen niemals. Nahezu nie gelingt es dem Leser im Voraus den Schluss zu erahnen. Der kleine Golkonda-Verlag hat etwas getan, was die Publikumsverlage verabsäumt haben: dieses kleine Meisterwerk (von molosovsky übersetzt!) in Deutschland zu veröffentlichen. Das Buch hat nur 180 Seiten, aber jede davon ist das Geld wert. *****

Was der Weihnachtsmann brachte: Ted Chiang
Was der Weihnachtsmann brachte: Ted Chiang
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Ein Kommentar

  1. miriampharo sagt:

    Wow, Sean! Vielen Dank für diese Einschätzung von „Präludium“. Ich musste doch tatsächlich nachschauen, was auf Seite 100 ist – und feststellen, dass dir noch einiges bevorsteht! 😉

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