Sven I. Hüsken im Gespräch


Ich kenne den Sven ja schon ein bisschen von unserer Online-Schreibgruppe her, der ist echt nett. Ja, wirklich. Und dazu noch dieses freundliche, jugendhafte Gesicht. Und jetzt das … sein Erstling „Papa“ ist verstörend, macht Angst. Was ist nur passiert, dass dieser sympatische junge Mann so außer Kontrolle geraten ist?

Zeit für Wortwellen nachzuhaken …

Sven I. Hüsken
Sven I. Hüsken

WW: Hallo Sven, bist du eigentlich Vater?

SH: Oh ja! Ich bin Vater von zwei fantastischen Mädchen.

WW: Ich habe den Buchtrailer zu „Papa“ gesehen. Aber hallo! Für einen Mainstream-Verlag wie Knaur, sah das fast schon nach Gore aus. Alles heiße Luft, oder müssen wir bei deinem Debüt „Papa“ mit dem Schlimmsten rechnen?

SH: Der Trailer ist bewusst provokant gestaltet. Hier geht es um Werbung und mit Mittelmäßigkeit lockt man niemanden hinterm Ofen hervor. Allerdings muss man beachten, was heutzutage alles im Fernsehen zu sehen ist. Gestern habe ich eine Folge vom „Tatortreiniger“ gesehen und muss sagen, dass dort weit mehr Blut zu sehen war. Der Trailer bezieht seine Wirkung eher durch die Musik und den Schnitt, nicht so sehr durch tatsächliche Splatterszenen. Die „schlimmste“ Szene, ein Schnitt in die Haut, ist übrigens ein Schnitt in einen leckeren Krustenbraten gewesen, den meine Frau besorgt und anschließend zubereitet hat😉 Und das Blut ist eine Mischung aus Lebensmittelfarbe, Soßenbinder und Kakao😀

Das Buch ist in dieser Beziehung ähnlich gestaltet. Ich mag keine grausamen Beschreibungen, die nur der Effekthascherei dienen. Tatsächlich spielt sich viel in der Vorstellung des Lesers ab. Und darum geht es auch in dem Roman: Um die Grausamkeit, die unter der Oberfläche eines Jeden schlummert. Die dunkle Seite, die wir nur allzugern beiseite schieben. Das, was ich dem Leser zeige, muss sich immer der Geschichte unterordnen.

Ein Beispiel: Es gibt eine Szene, die in einem Kellerlabyrinth spielt. Dort gibt es verschiedene Räume, die für verschiedene Zwecke eingerichtet wurden. Lusträume, in denen sich gut betuchte Menschen austoben dürfen. In dieser Szene beschreibe ich nur die Einrichtungen. Was sich dort abspielen könnte, stellt sich der Leser selbst vor. Die Grausamkeit steckt nicht im Text, sondern in der Vorstellung des Lesers. Das finde ich einen interessanten Aspekt und etwas, was das Buch „Papa“ ausmacht.

WW: Kannst du uns ein bisschen zur Story verraten?

SH: Die Geschichte beginnt damit, dass der Exmann von Michelle, der nach einem Doppelleben als Serienmörder in eine Psychiatrie eingewiesen wurde, ausbricht. Kurz darauf verschwindet auch Michelles Tochter, zurück bleibt nur ein Polaroidfoto, auf dem unter anderen die Zeichnung von einem Wolf und einem Schaf zu sehen ist. In einem Brief, der Michelle erreicht, klärt ihr Exmann sie auf: Sie soll ihm sein letztes Opfer bringen, das ihm entwischt ist und das ihn hat auffliegen lassen, wenn sie ihre Tochter an einem Stück wieder haben möchte. Ihr Exmann fühlte sich schon immer als Opfer der Gesellschaft und nun möchte er ihr zeigen, wie schnell man zu einem Täter werden kann.

WW: Wie realistisch ist es, dass ein bestialischer Mörder gleichzeitig ein liebender Familienvater ist und wie schafft er es, solange unerkannt zu bleiben?

SH: Nun, ich glaube, dass in jedem von uns eine dunkle Seite versteckt ist, die wir in der Regel aber gut im Griff haben. Gerade die bestialischen Mörder sind gut in unsere Gesellschaft integriert. Laut einigen Studien über Psychopathen, sind diese häufig an der Spitze unserer Gesellschaft anzutreffen. Man soll es nicht meinen. Es sind Leute in Führungspositionen. Vor dem komischen Kautz an der Ecke würde ich weniger Angst haben, als vor dem geleckten Typen im Nadelstreifen. Die wenigsten von ihnen sind Mörder, aber viele von ihnen gehen auch über Leichen.

Papa - Hüskens Debut
Papa – Hüskens Debut

WW: Konntest du während dem Schreibprozess überhaupt ruhig schlafen, oder verfolgte dich die Story in deinen Träumen?

SH: Während des Schreibprozesses habe ich so gut wie gar nicht geschlafen. Das lag aber eher daran, dass meine zweite Tochter geboren wurde und ich nachts geschrieben und mich tagsüber um meine Frau und meine Tochter gekümmert habe😉 Ansonsten muss ich sagen, dass ich recht gut abschalten kann. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Albtraum gehabt zu haben. Diese Dinge lebe ich in meinen Geschichten aus und dort gehören sie auch hin.

WW: Direkt mit Erstling beim Publikumsverlag zu landen, ist bekanntlich ja nicht ganz so einfach. Die Mischung muss stimmen, man muss bekanntlich genau auf den Programmplatz passen. Hast du von Anfang an auf eine große Veröffentlichung hingearbeitet, oder hast du dir gesagt, nee, ist mir erst mal egal. Ich schreibe einfach nur die Geschichte, die ich schreiben will?

SH: Ich glaube, man muss die Geschichten schreiben, die einem wichtig sind, ansonsten belügt man sich selbst und seine Leser. Mir geht es nicht darum einen Buch zu veröffentlichen, mir geht es darum Geschichten zu erzählen, die mir und den Lesern Spaß machen. Mit Droemer Knaur habe ich einen Verlag gefunden, der mich meine Geschichten so erzählen lässt, wie ich es für richtig halte.

WW: Das Buch ist bei Knaur als eBook und als eBook-Serial erschienen? Warum kein Print und was hälst du persönlich von diesen Episodenromanen? Ist das die Zukunft?

SH: Nun, hier kann ich nur spekulieren. Die Vermarktung ist Verlagssache, da bin ich nicht eingebunden. Ich denke, die großen Publikumsverlage testen mit reinen eBooks zur Zeit den eBook-Markt aus. Wie funktioniert die Verkaufsdynamik, wie verbreitet sich die Info über ein Buch im Netz. All das sind Systeme, deren Funktionsweisen schwierig zu erfassen sind. Es ist ein Lernprozess, den die Verlage nun angehen.

Was die Aufteilung in Episoden angeht bin ich mir nicht ganz sicher. Es gibt Romane, da funktioniert das hervorragend. Allerdings verwirrt es auch die Leser, da diese Vorgehensweise noch nicht weit verbreitet ist. Beim Schreiben achtet man darauf, seinen Leser nicht aus dem Lesefluss zu reißen. Er soll alles um sich herum vergessen. Wenn die Geschichte plötzlich unterbrochen ist und man den nächsten Teil kaufen muss, ist das eine künstliche Unterbrechung, die nach hinten losgehen kann. Ich glaube, nicht jeder Leser macht da mit. Ob das die Zukunft ist, wird die Zukunft zeigen😉

Ob es von „Papa“ eine Printausgabe geben wird, weiß ich nicht. Der Verlag hat sich auf jeden Fall die Option gesichert und natürlich hoffe ich, dass er sie auch ergreifen wird.

WW: Was macht Sven I. Hüskens als nächstes?

SH: Mein Verlag hat wegen einer Thriller-Anthologie angefragt. Das Projekt werde ich als nächstes angehen. Dann ist natürlich ein nächster „richtiger“ Thriller in Arbeit und außerdem schreibe ich an einem Jugendbuchprojekt. Das nächste Jahr wird nicht langweilig und ich hoffe, dass ich sowohl mit meiner Agentur, als auch mit meinem Verlag noch die ein oder andere Weinflasche köpfen kann!