Ist Jeff Bezos jetzt der Antichrist der Literaturwelt?


2014: Der heilige Krieg zwischen Amazon und der gesamten Buchbranche ist längst ausgebrochen – teuflischer Feldherr und miesester Boss der Welt, Jeff Bezos (25 Milliarden Dollar schwer), auf der einen Seite und die arme, heilige Buchbranche auf der anderen Seite.

So lautet die Aufstellung der feindlichen Lager – nachzulesen in fast allen Gazetten, die sich anscheinend völlig uneigennützig die Rettung der Buchbranche auf die Fahnen geschrieben haben. Bezos‘ Ziel sei es, so führen sie aus, die bislang friedliche und beschauliche Welt der Verlage zu erobern, ach was, zu vernichten!

Amazon - das Böse?
Amazon – das Böse?

Bezos‘ Angriffsstrategie, das wissen seine Kritiker jetzt, fußt dabei auf drei Säulen: Tools wie Create Space oder Kindle Direct Publishing (um den Autoren Möglichkeiten zu bieten OHNE Verlage zu publizieren), eine randvoll gefüllte Kriegskasse zum Erwerb renommierter Verlage (neueste Horrormeldung: Simon & Schuster könnte aufgekauft und als Gate-Opener für den bisher nicht zugänglichen Einzelhandel verwendet werden),  sowie – ganz aktuell – das Konzept eines Abomodells à la Spotify für den ohnehin schon gebeutelten Buchmarkt. Die Tantiemen, die dabei für die Autoren herausspringen würden, kann man sich vorstellen: sie dürften sich bestenfalls im ‚Cent‘-Bereich bewegen.

Wir müssen also zittern.

Oder etwa doch nicht?

Die F.A.Z. sieht nämlich das Ganze (im Gegensatz zur Welt) etwas lockerer; schreibt, der Kauf von Simon & Schuster sei nur eine Falschmeldung eines übereifrigen Bloggers. Die Unterredung zwischen Moonves (Simon & Schuster) und Bezos (Amazon) hätte nicht eine geplante Übernahme sondern, wie zuvor bei Hachette, vielmehr die E-Book-Rechte zum Gegenstand gehabt (wie die Verhandlungen mit Hachette in dieser Sache bisher ausgegangen sind, wissen wir allerdings auch!).

Also Vorsicht!

Der erwähnte Abo-Dienst, der jetzt kommen und nur einer von vielen verschiedenen sein wird – ein schreckenerregendes, digitales All-you-can-read sozusagen –, ist kein Hirngespinst mehr, sondern bittere Realität.

Doch es gibt noch Hoffnung.

Widerstand regt sich inzwischen in der amerikanischen Öffentlichkeit. Und in den Medien. Ach, ja. Und die hat schon Bezos Achillesferse entdeckt: Der schrecklichste Boss der Welt soll er sein, wissen zumindest BILD und Focus unisono zu berichten.

Müssen wir also den Mann, der es ermöglicht, dass wir unsere Bücher, CDs, DVDs (und hunderte andere Produkte) schnell und sauber nach Hause geliefert bekommen, wirklich fürchten? Ihn sogar hassen, da er so verdammt mies und hinterfotzig zur Buchbranche und zu seinen eigenen Angestellten ist?

Ja. Und nein.

Bezos ist schlau, seine Vorgehensweise in der Regel recht effektiv. Doch ein Teufel ist er (noch) nicht, nur ein gefühlskalter Geschäftsmann. Für vieles das Amazon angelastet wird,  ist der Kapitalismus, der sogenannte freie Markt (selbstverständlich in seiner Hässlichen-Fratzen-Ausprägung, die amerikanische Firmen so richtig gut drauf haben) verantwortlich, nicht bloß Bezos‘ Gier. Alles ist möglich!, rufen uns die Amis zu und wundern sich über die jammrigen Europäer, die keine Eier, keine Zukunftsvisionen in der Hose haben. Denn es ist nicht nur der Gewinn der Bezos antreibt, sondern natürlich auch eine Vision.

Seine Anhänger sind sich da vermutlich einig: Bezos führt die Buchbranche auf Gedeih und Verderb ins 21. Jahrhundert. Koste es was es wolle. Dabei kommt es logischerweise auch mal zu Kollateralschäden bei dem einen oder anderen Autoren und Verlag. Das muss so sein. Das Alte muss weichen, um dem Neuen Platz zu machen. Das schmerzt. Sehr sogar.

Müssen die Europäer umdenken?

Noch ist die Schlacht nicht geschlagen (noch ist kein Freihandelsabkommen mit den USA unterzeichnet, noch ist kein deutscher Buchverlag deswegen in der Versenkung verschwunden).

Jetzt gilt es also – die Buchbranche muss endlich aufwachen und was unternehmen! Vor allem, und das wird jetzt unheimlich schwer – Festhalten, Leute! – den Lesern eine technisch und logistisch ähnliche Plattform bieten wie Amazon. Mit den gleichen pfiffigen Innovationen und ähnlichem Service. Oops!